Auf ein Wort!

Oh nein, jetzt treibt sich dieser Spacko auch noch im Netz rum!!! Tut dat Not?!? Aber hallo! Hier gibt es Interviews, Reviews und mehr. Allem gemeinsam: Der ganze Krempel ist komplett von mir! Ob das ein Vor- oder Nachteil ist, muß jeder für sich selbst entscheiden... Was wollt Ihr sonst noch hier sehen? Ideen habe ich reichlich, möchte aber zuerst wissen, was Euch interessiert. Teilt es mir mit, z.B. als Kommentar. Spezielle Fragen zu mir und meiner Arbeit, Lob und Kritik aller Art ("Wie besoffen muß man sein, um so einen Mist zu verzapfen?") - egal was. Bin gespannt, wie sich das hier entwickelt... Haut rein, Ihr Eierbären! Michael P.S. Das Copyright aller Texte auf dieser Seite liegt ausschließlich bei Michael Schübeler.

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REDEMPTION – Die Lektionen des Lebens (HOME OF ROCK-Version)

Irgendwann lernt jeder, was im Leben wirklich zählt. Und damit er das ja nicht wieder vergißt, wird es ihm mit Nachdruck beigebracht; meistens unfreiwillig und noch öfter auf die harte Tour. Das kann z.B. ein plötzlich anfahrender Linksabbieger sein, den man mit 100 auf die Hörner nimmt. Ansonsten greift das Schicksal – bekanntlich fast ebenso [...]

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REDEMPTION – Die Lektionen des Lebens (HOME OF ROCK-Version)

19. November 2011

Irgendwann lernt jeder, was im Leben wirklich zählt. Und damit er das ja nicht wieder vergißt, wird es ihm mit Nachdruck beigebracht; meistens unfreiwillig und noch öfter auf die harte Tour. Das kann z.B. ein plötzlich anfahrender Linksabbieger sein, den man mit 100 auf die Hörner nimmt. Ansonsten greift das Schicksal – bekanntlich fast ebenso unerbittlich wie Gevatter Tod – gerne auf schwere Krankheiten zurück, um die Relationen zurechtzurücken. Bei Nicolas (Nick) van Dyk, Gründer, Gitarrist, Keyboarder und alleiniger Komponist von REDEMPTION, wurde vor drei Jahren Leukämie festgestellt. Und obgleich er in den Linernotes betont, daß “This Mortal Coil” kein Konzeptalbum über seine Krankheit ist, handelt doch jeder Text davon, kulminiert förmlich in “Stronger Than Death”. Vor diesem Hintergrund ist das ganze Album ein außergewöhnliches Ereignis!

Umso unverständlicher, daß REDEMPTION nach fünf Studio-CDs und Tourneen mit z.B. DREAM THEATER immer noch so gut wie unbekannt sind. Man sollte doch meinen, daß Ray Alder und Bernie Versailles einen so guten Ruf genießen, daß sich ihre Fans auch dafür interessieren, was sie abseits ihrer Stammformationen FATES WARNING bzw. AGENT STEEL treiben. Dem ist jedoch offenbar nicht so. Nick kann sich das selbst nicht erklären, aber dafür so manches andere.

 

MS: Wie seid ihr an “This Mortal Coil” herangegangen? Was kann man nach einem Meisterwerk wie “Snowfall On Judgment Day” (2009) mit seiner nahezu perfekten Verbindung von Melodie, Power und Anspruch überhaupt besser machen?!

Nick: Danke, du bist sehr freundlich. Nun, ich hoffe, daß wir weiterhin immer besser werden. Wir stellen an uns selbst hohe Ansprüche und hoffentlich gelingt es uns, Musik zu erschaffen, die sich mit den Menschen verbindet.

MS: Ist das vielleicht sogar das Schwierigste bei den Fähigkeiten, die ihr habt: Musik zu komponieren, die so bodenständig ist, daß ein Hörer, der kein Instrument spielt, sie verstehen und genießen kann?

Nick: Da ist es vielleicht ganz gut, daß wir in der Hinsicht ohnehin limitiert sind, denn ich habe einen ganz normalen Job und kann deshalb nicht 8 Stunden am Tag üben. Ich werde also nie so gut werden wie John Petrucci, haha! Schon allein das verhindert, daß wir Songs schreiben, die derart hohe Anforderungen an uns stellen.

Spaß beiseite; ich denke, ich habe immer versucht, den Song stärker in den Mittelpunkt zu rücken als die Technik. Manche Songs verlangen nach technischen Passagen, und andere eben nicht. Wenn es nicht im Dienste des Songs ist und an der Stelle keinen Sinn macht, nicht natürlich wirkt, dann bauen wir es nicht ein.

MS: Heißt das, daß ihr viele Parts rausschmeißt?

Nick: Nein. Weißt du, ich bin da ziemlich pingelig. Ich stelle den anderen Jungs ein neues Stück erst dann vor, wenn ich der Meinung bin, daß es “perfekt” ist, d.h. es an der bestehenden Form nichts mehr zu verbessern gibt.

Diesmal haben wir allerdings bereits sehr früh mit unserem Produzenten Neil Kernon zusammengearbeitet. Er hat Einfluß auf ein paar Arrangements und so gehabt, aber nicht auf das technische Zeug.

MS: Das Tolle an Neil ist die Bandbreite der Künstler, mit denen er gearbeitet hat.

Nick: Deshalb haben wir ihn ausgesucht. Alles von NEVERMORE bis Jazz Fusion, KANSAS, HALL & OATES… Er hat uns einen unveröffentlichten HALL & OATES-Song vorgespielt, an dem er gearbeitet hatte. Er war phantastisch! Er kennt sich mit gutem Songwriting aus, ungeachtet des Genres, in das es fällt.

Da wir in unserer Musik viele verschiedene Elemente vereinen, wollte ich sicherstellen, daß wir jemanden haben, der mit diesen geballten Einflüssen umzugehen weiß. Und dafür war er der perfekte Mann.

MS: Was war es denn, was er dem musikalischen Bild hinzugefügt hat, das ihr malen wolltet?

Nick: Weißt du, sein Einfluß war subtil. Er hat keine grundlegenden Veränderungen vorgenommen. Natürlich hat er uns einen Wahnsinnssound hingezaubert. Bei ein paar Songs wollte er hier ein zusätzliches Solo haben, da einen Refrain hervorheben, um den Hook stärker zu betonen (was eine witzige Sache ist bei einem Progressive Metal-Song). Doch das war genau das Feedback, das ich mir erhofft hatte.

MS: Die Texte des neuen Albums handeln von deiner Krebserkrankung, aber ein Konzept ist es nicht.

Nick: Inspiriert davon, aber ich wollte nicht, daß sie von mir und Krebs handeln. Ich wollte, daß mehr Menschen etwas damit anfangen können, nicht nur die, bei denen Krebs festgestellt wurde.

Es geht um unsere Sterblichkeit als Menschen. Und ob das eine Tumordiagnose ist oder eine plötzliche Krankheit oder ein Freund, der stirbt – wir alle kommen zu der Erkenntnis, daß wir eben nicht “für immer” haben. Unter diesen Umständen denkt man über vieles nach, und das Album spricht ein paar dieser Gedanken an.

MS: Wenn ein Unfall oder eine Krankheit ein Gutes hat, dann daß man erkennt, was wirklich wichtig ist (Diesen Vorgang beschreibt Nick in “Focus” sehr anschaulich.).

Nick: Ja, man bekommt einen völlig anderen Blickwinkel. Eines der Dinge, die mir aufgefallen sind, ist, daß man sich mit Nichtigkeiten unheimlich aufhalten kann.

Jeden Tag passieren 100 Sachen, die dich tangieren können, und vielleicht zwei davon sind wirklich wichtig. Man lernt, sich nicht an den anderen 98 aufzureiben, sondern seine Energie auf die zwei zu konzentrieren. Du mußt jeden einzelnen Tag genießen, denn jeder Tag ist ein Geschenk.

MS: Müssen Künstler leiden, um “große” Kunst zu erschaffen?

Nick: Nicht unbedingt. Es ist, wie es ist. Ich glaube jedenfalls nicht an die Notwendigkeit des Leidens. Jeder hat seine Kämpfe im Leben, die ihn hoffentlich stärker machen.

Ich denke, wir sollen in diesem Leben glücklich sein. Und ich finde, es ist nichts Falsches daran, dem Glück nachzujagen, solange man niemanden verletzt. Und wenn du zu den sehr Glücklichen gehörst, die glücklich sind, ohne hart darum gekämpft haben zu müssen, bist du keine geringere Person als jemand, der Schmerz durchgemacht hat. So etwas prägt natürlich, ist meiner Ansicht nach aber nicht zwingend notwendig. Deine Situation ist ja nicht jeden Tag dieselbe, doch du mußt jeden Tag das Beste daraus machen.

MS: Wie das Leben an sich. Einige eurer Songs erinnern stark an MAGNITUDE 9. Zufall?

Nick: Das ist reiner Zufall. Du weißt vielleicht, daß ihr Sänger Corey Brown mal für ein paar Konzerte bei uns war. Aber ich habe MAGNITUDE 9 seit Jahren nicht mehr gehört. Falls es da also eine Ähnlichkeit gibt, dann ist das wirklich purer Zufall. Aber Corey ist ein toller Typ!

MS: Was ist für dich das Besondere am Progressive Metal?

Nick: Die kreative Freiheit, wenn du einen Song schreibst. Du mußt dich nicht an eine Struktur halten. Ich verrate dir ein Geheimnis: Bei dem Song “Sapphire” von unserer zweiten Scheibe “The Fullness Of Time” (2005) spielt Bernie das zweite Solo über die Akkordfolge eines Trauermarsches von Chopin.

In einen Popsong könntest du nie 32 Takte von Chopin einbauen, sie aufmotzen, ein Gitarrensolo darüberlegen und den Takt von 4/4 in 5/4 ändern. Das kannst du in anderen Musikstilen nicht machen. Deshalb finde ich die Kombination aus Aggression – die eine gute Katharsis ist – und der Möglichkeit, jedes musikalische Element, das man will, hinzuzufügen, so klasse.

MS: Daß du Popsongs erwähnst bringt mich zu der Bonus-CD von “This Mortal Coil”.

Nick: Also, “Precious Things” von Tori Amos war bereits auf der japanischen Ausgabe von “The Origins Of Ruin” (2007). Und nein, wir haben den Schluß von Journeys “Edge Of The Blade” nicht verändert. Ich kann dir jedoch versprechen, daß wir niemals einen Solopart durch ein Fade-Out verhunzen werden!

MS: Warum hast du deine Band REDEMPTION genannt? Das ist mal wieder ein Wort mit vielen Bedeutungen. “Erlösung” ist nur eine davon…

Nick: Es war schwer, einen guten, noch nicht vergebenen Namen zu finden, das kann ich dir sagen! Mein Lieblingsfilm ist “The Shawshank Redemption” (“Die Verurteilten” mit Tim Robbins und Morgan Freeman). Unser Name kommt zum Teil daher. Mir gefällt die Tatsache, daß er viele verschiedene Bedeutungen hat. So kann ihn jeder für sich interpretieren, wie er will. It means different things for different people.

Wir sind keine religiöse Band, obwohl ich ein spiritueller Mensch bin. Von meinen Bandkollegen hat jeder seine eigene Meinung zu dem Thema, die durchaus von meiner abweichen kann, kein Problem. Unser Name ist nicht in einem religiösen Kontext zu verstehen, aber ich mag die positive Haltung dahinter.

Dieses Interview erscheint auf www.homeofrock.de

REDEMPTION -Die Lektionen des Lebens (WAY UP-Version)

19. November 2011

Irgendwann lernt jeder, was im Leben wirklich zählt. Und damit er das ja nicht wieder vergißt, wird es ihm mit Nachdruck beigebracht; meistens unfreiwillig und noch öfter auf die harte Tour. Das kann z.B. ein plötzlich anfahrender Linksabbieger sein, den man mit 100 auf die Hörner nimmt. Ansonsten greift das Schicksal – bekanntlich fast ebenso unerbittlich wie Gevatter Tod – gerne auf schwere Krankheiten zurück, um die Relationen zurechtzurücken. Bei Nicolas (Nick) van Dyk, Gründer, Gitarrist, Keyboarder und alleiniger Komponist von REDEMPTION, wurde vor drei Jahren Leukämie festgestellt. Und obgleich er in den Linernotes betont, daß “This Mortal Coil” kein Konzeptalbum über seine Krankheit ist, handelt doch jeder Text davon, kulminiert förmlich in “Stronger Than Death”. Vor diesem Hintergrund ist das ganze Album ein außergewöhnliches Ereignis!

Umso unverständlicher, daß REDEMPTION nach fünf Studio-CDs und Tourneen mit z.B. DREAM THEATER immer noch so gut wie unbekannt sind. Nick kann sich das selbst nicht erklären, aber dafür so manches andere.

 

MS: Wie seid ihr an “This Mortal Coil” herangegangen? Was kann man nach einem Meisterwerk wie “Snowfall On Judgment Day” (2009) mit seiner nahezu perfekten Verbindung von Melodie, Power und Anspruch überhaupt besser machen?!

Nick: Danke, du bist sehr freundlich. Nun, ich hoffe, daß wir weiterhin immer besser werden. Wir stellen an uns selbst hohe Ansprüche und hoffentlich gelingt es uns, Musik zu erschaffen, die sich mit den Menschen verbindet.

MS: Ist das vielleicht sogar das Schwierigste bei den Fähigkeiten, die ihr habt: Musik zu komponieren, die so bodenständig ist, daß ein Hörer, der kein Instrument spielt, sie verstehen und genießen kann?

Nick: Da ist es vielleicht ganz gut, daß wir in der Hinsicht ohnehin limitiert sind, denn ich habe einen ganz normalen Job und kann deshalb nicht 8 Stunden am Tag üben. Ich werde also nie so gut werden wie John Petrucci, haha! Schon allein das verhindert, daß wir Songs schreiben, die derart hohe Anforderungen an uns stellen.

Spaß beiseite; ich denke, ich habe immer versucht, den Song stärker in den Mittelpunkt zu rücken als die Technik. Manche Songs verlangen nach technischen Passagen, und andere eben nicht. Wenn es nicht im Dienste des Songs ist und an der Stelle keinen Sinn macht, nicht natürlich wirkt, dann bauen wir es nicht ein.

MS: Heißt das, daß ihr viele Parts rausschmeißt?

Nick: Nein. Weißt du, ich bin da ziemlich pingelig. Ich stelle den anderen Jungs ein neues Stück erst dann vor, wenn ich der Meinung bin, daß es “perfekt” ist, d.h. es an der bestehenden Form nichts mehr zu verbessern gibt.

Diesmal haben wir allerdings bereits sehr früh mit unserem Produzenten Neil Kernon zusammengearbeitet. Er hat Einfluß auf ein paar Arrangements und so gehabt, aber nicht auf das technische Zeug.

MS: Das Tolle an Neil ist die Bandbreite der Künstler, mit denen er gearbeitet hat.

Nick: Deshalb haben wir ihn ausgesucht. Alles von NEVERMORE bis Jazz Fusion, KANSAS, HALL & OATES… Er hat uns einen unveröffentlichten HALL & OATES-Song vorgespielt, an dem er gearbeitet hatte. Er war phantastisch! Er kennt sich mit gutem Songwriting aus, ungeachtet des Genres, in das es fällt.

Da wir in unserer Musik viele verschiedene Elemente vereinen, wollte ich sicherstellen, daß wir jemanden haben, der mit diesen geballten Einflüssen umzugehen weiß. Und dafür war er der perfekte Mann.

MS: Was war es denn, was er dem musikalischen Bild hinzugefügt hat, das ihr malen wolltet?

Nick: Weißt du, sein Einfluß war subtil. Er hat keine grundlegenden Veränderungen vorgenommen. Natürlich hat er uns einen Wahnsinnssound hingezaubert. Bei ein paar Songs wollte er hier ein zusätzliches Solo haben, da einen Refrain hervorheben, um den Hook stärker zu betonen (was eine witzige Sache ist bei einem Progressive Metal-Song). Doch das war genau das Feedback, das ich mir erhofft hatte.

MS: Die Texte des neuen Albums handeln von deiner Krebserkrankung, aber ein Konzept ist es nicht.

Nick: Inspiriert davon, aber ich wollte nicht, daß sie von mir und Krebs handeln. Ich wollte, daß mehr Menschen etwas damit anfangen können, nicht nur die, bei denen Krebs festgestellt wurde.

Es geht um unsere Sterblichkeit als Menschen. Und ob das eine Tumordiagnose ist oder eine plötzliche Krankheit oder ein Freund, der stirbt – wir alle kommen zu der Erkenntnis, daß wir eben nicht “für immer” haben. Unter diesen Umständen denkt man über vieles nach, und das Album spricht ein paar dieser Gedanken an.

MS: Wenn ein Unfall oder eine Krankheit ein Gutes hat, dann daß man erkennt, was wirklich wichtig ist (Diesen Vorgang beschreibt Nick in “Focus” sehr anschaulich.).

Nick: Ja, man bekommt einen völlig anderen Blickwinkel. Eines der Dinge, die mir aufgefallen sind, ist, daß man sich mit Nichtigkeiten unheimlich aufhalten kann. Jeden Tag passieren 100 Sachen, die dich tangieren können, und vielleicht zwei davon sind wirklich wichtig. Man lernt, sich nicht an den anderen 98 aufzureiben, sondern seine Energie auf die zwei zu konzentrieren. Du mußt jeden einzelnen Tag genießen, denn jeder Tag ist ein Geschenk.

MS: Müssen Künstler leiden, um “große” Kunst zu erschaffen?

Nick: Nicht unbedingt. Es ist, wie es ist. Ich glaube jedenfalls nicht an die Notwendigkeit des Leidens. Jeder hat seine Kämpfe im Leben, die ihn hoffentlich stärker machen. Ich denke, wir sollen in diesem Leben glücklich sein. Und ich finde, es ist nichts Falsches daran, dem Glück nachzujagen, solange man niemanden verletzt. Und wenn du zu den sehr Glücklichen gehörst, die glücklich sind, ohne hart darum gekämpft haben zu müssen, bist du keine geringere Person als jemand, der Schmerz durchgemacht hat.

So etwas prägt natürlich, ist meiner Ansicht nach aber nicht zwingend notwendig. Deine Situation ist ja nicht jeden Tag dieselbe, doch du mußt jeden Tag das Beste daraus machen.

MS: Was ist für dich das Besondere am Progressive Metal?

Nick: Die kreative Freiheit, wenn du einen Song schreibst. Du mußt dich nicht an eine Struktur halten. Ich verrate dir ein Geheimnis: Bei dem Song “Sapphire” von unserer zweiten Scheibe “The Fullness Of Time” (2005) spielt Bernie (Versailles, AGENT STEEL) das zweite Solo über die Akkordfolge eines Trauermarsches von Chopin.

In einen Popsong könntest du nie 32 Takte von Chopin einbauen, sie aufmotzen, ein Gitarrensolo darüberlegen und den Takt von 4/4 in 5/4 ändern. Das kannst du in anderen Musikstilen nicht machen. Deshalb finde ich die Kombination aus Aggression – die eine gute Katharsis ist – und der Möglichkeit, jedes musikalische Element, das man will, hinzuzufügen, so klasse.

Dieses Interview erscheint im WAY UP #38

ICED EARTH – Du bist der Widerstand! (HOME OF ROCK-Version)

08. November 2011

Es gibt Bands, bei denen die Veröffentlichung eines neuen Albums ein Ereignis ist, dem nicht selten Millionen Fans entgegenfiebern; wegen der Musik und/oder der Beliebtheit der Gruppe. IRON MAIDEN, JUDAS PRIEST, METALLICA, BLIND GUARDIAN… Die Liste dieser gerne als “Ausnahmebands” bezeichneten Formationen ist ganz schön lang, wenn man eine Weile darüber nachdenkt!

Apropos nachdenken: Mir ist – leider erst nach dem Interview mit Jon Schaffer, verdammt! – Folgendes aufgefallen: Obwohl ICED EARTH einen äußerst eigenständigen Stil entwickelt haben, ist es erstaunlich, wie unterschiedlich die Sänger klingen – und trotzdem passen!

Von dieser Seite betrachtet ist Stuart Block der beste Mann, den Bandleader Schaffer für sein “Baby” finden konnte, nachdem Matthew Barlow aus familiären Gründen zum zweiten Mal ausgestiegen war. Schaffers Wahl kriegt was Geniales, wenn man bedenkt, welchen Spagat der Kandidat vollbringt: Hier das eine Extrem: die warm-kraftvolle Stimme des bei den Fans besonders beliebten Matt, der obendrein bei den Fans extrem beliebt war. Am anderen Ende des Spektrums steht der Techniker Tim “Ripper” Owens, ein ehrfurchtgebietender Kopfstimmen-Athlet. Er besitzt zwangsläufig nicht diese Wärme in der Stimme (eins geht nur); dennoch war er für die von ihm eingesungenen Alben genau der Richtige. Würde der neue Mann einem der beiden das Wasser reichen können? INTO ETERNITY-Fans konnten die Antwort sofort geben: Und ob! Block ist mit einer faszinierend wandlungsfähigen Stimme gesegnet, die es ihm erlaubt, übergangslos von Halford-Screams oder Death Metal-Grunzen zu sanften, eindringlichen Tönen zu wechseln. Also von wegen “Eins geht nur!”! Der Kanadier beweist scheinbar mühelos das Gegenteil. Beeindruckend dabei ist die Intensität, die auf die Musik abfärbt; stets spürt man die Kraft, die dahintersteckt. Manchmal lauert sie dir regelrecht auf, bereit, dich im nächsten Moment aus dem Hinterhalt anzuspringen. Sowohl die harte (Kopf)Arbeit des Ausbaldowerns als auch die Freude am Einsingen der gefundenen Gesangslinien hört man dem Ergebnis deutlich an. Durch die Kombination aus Eingängigkeit und Härte schließlich könnte “Dystopia” zu einem wegweisenden Album werden, durch das viele Kids vom Heavy Metal-Virus befallen werden. Time will tell!

 

MS: Ich bin mir noch nicht sicher, ob “Dystopia” tatsächlich das beste ICED EARTH-Album ist, aber es ist mein Favorit! Die CD ist so abwechslungsreich! Ich finde sogar, ihr habt euch hiermit ein Stück weit neu definiert.

Jon: Nun, es ist definitiv ein Schritt nach vorne; das auf jeden Fall. Ich hoffe, die Leute sehen das genauso. Und die Reaktionen, die ich bislang von Journalisten bekommen habe, sind hervorragend. Im Endeffekt entscheiden natürlich die Fans, ob sie das Album wirklich lieben oder nicht. Ich meine, ich liebe es, und das ist das Erste, worauf es ankommt. Ich stelle höhere Ansprüche an mich selbst als jeder andere. Wenn ich glücklich damit bin, wird es der Großteil der Fans auch sein.

MS: Der Vibe dieses Albums ist ungeheuer positiv, sogar wenn ihr über negative Dinge singt. Ist das die “Chemie”, von der du auf eurer Homepage sprichst?

Jon: Äh, dafür gibt es mehrere Gründe. Zunächst einmal bin ich heute eine viel positivere Person. Ich bin um einiges glücklicher und mehr im Einklang mit mir selbst; ich verstehe die Dinge besser, die um mich herum passieren. Das geschah vor ein paar Jahren, als ich das hatte, was ich mein “Erwachen” nenne. Dieses Erlebnis hat mein Leben verändert. Es hat mich in eine weitaus positivere… Ich weiß nicht, es ist schwer zu erklären. Es ist so, als wenn du dein ganzes Leben lang herumläufst, und du spürst, etwas läuft falsch, aber du weißt nicht genau, was es ist und wo der Fehler liegt. Du weißt nur, es ist nicht richtig, mit all der Ungerechtigkeit in der Welt und dem ganzen Mist. Und dann kam ich an diesen Punkt in meinem Leben, als ich vollkommen ausgebrannt war: fast 20 Jahre, kein Urlaub. Also machte Ich Ferien und fing an, mich wieder wie ein Mensch zu fühlen. Und dann erfuhr ich von diesen schrecklichen Dingen, in die mein Land verstrickt ist, auf eine sehr reale Weise. Und es war einfach… Es machte mich einfach… Ich war sowas von angepißt! Gleichzeitig fühlte ich mich aber auch befreit, die Wahrheit zu kennen. Und das ist ein sehr befreiendes Gefühl. Das ist alles, was ich sagen kann. Von daher war ich euphorisch und aufgeregt und so glücklich mit ICED EARTH wie seit Jahren nicht mehr, weil ich so ausgebrannt war. Und hierdurch bekomme ich eine völlig neue Perspektive, daher ist die Energie hinter dem ganzen Prozeß sehr positiv. Und dann kommt noch jemand wie Stu dazu, der jung ist und hungrig. Er hat die tollste Einstellung, die man sich vorstellen kann, um miteinander zu arbeiten. Er ist offen für jeden Vorschlag, gewillt, alles auszuprobieren, er ist dankbar für die Gelegenheit und die Kenntnisse, die ich ihm vermittle… Es ist eine tolle Sache, Mann! Es ist ein großartiger, positiver Vibe! Es war eine intensive Zeit, diese Platte zu machen, weißt du, es war wirklich… Wir standen mächtig unter Druck, aber hatten immer Spaß – und das kannst du spüren! Und was auch cool ist, ist, daß die Themen in den Songs echt fuckin´ düster sein können. ABER: Es gibt auch Songs voller Hoffnung über das ganze Album verteilt. Und das ist das Coole! Du hast “Anthem”. Du hast “Tragedy And Triumph”. Einer der Bonustracks auf der Digipak-Version heißt “Iron Will”, ein sehr positives Lied. Es besitzt also die ICED EARTH-Dunkelheit, aber wir hatten echt Spaß, diese Platte zu schreiben und aufzunehmen.

MS: Mein Lieblingssong – zumindest im Moment – ist “Dark City”.

Jon: Oh ja, der ist sehr beliebt!

MS: Der Abwechslungsreichtum, sowohl musikalisch als auch im Gesang, ist faszinierend!

Jon: Ja, das ist es, hahaha, ist es, Mann! Ich meine, wie gesagt, wenn du… Stu ist wie Matt, als er das erste Mal in die Band kam. Er hat eine großartige Einstellung, er ist gewillt, alles auszuprobieren… Aber weißt du, der Unterschied ist, daß Stu von einer Death Metal-Band kam, einer progressiven Death Metal-Band. Obwohl er echt hoch gesungen hat, Halford-mäßige Parts und einige richtig hohe Refrains, hat er das gesamte mittlere Spektrum seiner Stimme nie erforscht. Und, weißt du, als ich mit ihm am Telefon sprach, sagte ich zu ihm: “Das ist eine große Sache, denn das ist es, woran ich zuerst dachte. Deshalb müssen wir sehen, wie du im mittleren Bereich klingst. Wir müssen uns auf diesen Teil deiner Stimme konzentrieren, den du nie erkundet hast.” Er war also offen dafür, es auszuprobieren – und es funktionierte hervorragend! Und wir machten einfach weiter und probierten weiter verschiedene Dinge aus und pushten weiter, und während der ganzen Zeit legte er eine Killer-Einstellung an den Tag und nahm, wie bereits gesagt, alles dankbar an und war glücklich, dabei zu sein. Ich denke, es ist eine sehr gute Partnerschaft, die wir haben. Die Band ist tight, Mann!

MS: “Days Of Rage” ist geil, so wie es ist, aber es ist auch ein Stück, mit dem man alles Mögliche anstellen könnte.

Jon: Ja, das ist wahr, aber das ist einfach nur als kurzer Tritt in die Eier gedacht und soll gar nichts anderes sein. You know, it´s like two minutes or something and – boom! It´s just it. Es ist, was es ist.

MS: Basiert der Titelsong “Dystopia” auf dem Computerspiel oder dem Comic?

Jon: Kenne ich beides nicht. “Dystopia” bezieht sich direkt auf die “Something Wicked”-Geschichte; dasselbe gilt für den letzten Song, “Tragedy And Triumph”. Die beiden sind mit der “Something Wicked”-Story verbunden. Wir wollten ein dystopisches Thema auf dem Album haben. Daher gaben wir einige Songs über Filme: “V” handelt von “V wie Vendetta”, desweiteren “Dark City”, “Equilibrium”, “Soylent Green”… Darüberhinaus zwei aus der “Something Wicked”-Story, die ebenfalls total dystopisch ist. Dann kommt am Ende eben das dabei heraus. “Dystopia” selbst handelt von Menschen, die aus dem Land vertrieben und in Gefängnisstädten zusammengepfercht werden, verstehst du; Städte, die hermetisch abgeriegelt sind und wie Polizeistaaten kontrolliert werden. Das ist es, was man auf dem Album-Cover sieht: Da ist Set (Set Abominae, das ICED EARTH-Maskottchen), der über den Gebäuden aufragt, dazu sich überschneidende Suchscheinwerfer und die Gefangenen und alles, um den Punkt in der Geschichte zu verdeutlichen, an dem die Menschheit zusammengetrieben und darauf vorbereitet wird, abgeschlachtet zu werden. Und “Tragedy And Triumph” beschreibt, wie die Menschheit schließlich doch als Sieger aus der Sache hervorgeht und frei ist. Es ist ziemlich cool!

MS: Was mir besonders imponiert: Mit den positiven Songs auf dem Album schafft ihr es tatsächlich, den Effekt rüberzubringen, daß diese Stücke wirklich aufbauend sind. Eine Zeile wie “We are the resistance” (“Wir sind der Widerstand”) gibt mir Auftrieb, wenn ich sie höre.

Jon: Das ist klasse, Kumpel. Das war der Gedanke dabei. Die Idee dahinter ist, ein sehr düsteres Bild zu malen, aber dann den Menschen ein wenig Hoffnung zu geben und zu versuchen, sie zu inspirieren, daß mit Wissen und Glaube an dich selbst, und indem du wieder zu deiner Menschlichkeit zurückfindest, du die Antwort bist. Du bist der Widerstand! Wenn du in den Spiegel schaust: Du willst Lösungen? Blick in den Spiegel!

Ich denke, es geht einfach darum, den Menschen Hoffnung zu geben. Gib den Menschen Hoffnung, Mann! Die Menschen fühlen sich ziemlich verloren. Und ich denke, es ist… Weiß nicht… Wenn die Menschen den Wunsch haben, zu lernen und zu verändern und sich wieder mit ihrer Menschlichkeit zu verbinden, dann ist alles möglich.

Es fängt jedenfalls auf der persönlichen Ebene an, finde ich. Ich glaube, wir leben in historischen Zeit. Ich weiß nicht, wohin das alles führen wird, aber es wird Geschichte schreiben, das ist sicher.

MS: Eine Zeile auf “Dystopia” lautet: “Experimenting understands the human soul.” (“Experimente erfassen die menschliche Seele.”)

Jon: Ja, hahaha! Könnte sein!

MS: Hat Stu all die verschiedenen Gesangsspuren auf “Dystopia” eingesungen?

Jon: Stu hat das meiste davon gemacht. Einige Group-Vocals wurden gemacht, das waren ich, Jim (Morris), Stu und Howard Helm. Doch wenn es sich um eine Harmonie für eine einzelne Zeile handelt, dann ist es höchstwahrscheinlich Stu, den du hörst. Wir haben in der Abteilung nicht zuviel gemacht, weißt du, gigantische Refrains und sowas. Wir haben uns in jeder Hinsicht auf das Wesentliche konzentriert. Es ist ein viel fokussierteres Album.

Das war ein ganz natürlicher Vorgang, Mann. Wie gesagt, die Energie hinter dem Album ist weitaus positiver und konzentrierter als bei den letzten Scheiben. Während der Entstehung des letzten Albums habe ich mehrere Familienmitglieder verloren, und das wirkte sich auf das Album aus. Besonders auf “Crucible” (“The Crucible Of Man”, 2008). “Framing Armageddon” (2007) war besser, aber “Crucible”… Ich schrieb das Meiste davon in dem Zeitraum und wir nahmen vieles davon um die Zeit herum auf. Zuerst starb mein Bruder, dann starb mein Vater, dann meine Schwester – alle innerhalb eines Jahres! Das war brutal!! Und ich kann es in der Musik hören. Ich kann hören, insbesondere auf “Crucible”, wie haltlos ich war. Ich kann mir die Arrangements anhören, und heute sage ich: “Mann, da sind coole Parts drauf, aber sie sind nicht richtig arrangiert. They´re just not arranged where I was like.” Ich war nicht von Anfang bis Ende da. Ich habe mein Bestes getan, aber…

MS: Nach dem zweiten ICED EARTH-Album “Night Of The Stormrider” (1991) wart ihr mehr oder weniger pleite, soweit ich weiß…

Jon: Also, ich meine… Um pleite zu sein, mußt du erst mal Geld haben, hahaha! Weißt du, ich hatte immer noch kein Geld, und ich war sauer deswegen, denn ich wußte, wieviel die Band verkaufte. Wir machten keine Kohle. Wir waren also nicht wirklich bankrott, weil wir eh nie Geld hatten.

MS: Das “ANVIL-Syndrom”?

Jon: Wahrscheinlich ein bißchen, ja.

MS: Ich habe ein Faible für euer erstes Album (1990), besonders für “When The Night Falls”. Es ist schwer zu beschreiben, aber wie… Woher kommt die Atmosphäre?!

Jon: Nun, Mann, das ist zwar old stuff, aber das war tatsächlich ein recht großes Album, wenn man bedenkt, wie wenig Geld dafür ausgegeben wurde und im Hinblick auf die Produktion; überdies waren wir bei einem brandneuen, kleinen Indie-Label wie Century Media. Ich meine, das Album hat sich im ersten Jahr 500 Mal verkauft. Das ist schon eine Hausnummer. Und es war erfolgreich. Aber wo die Musik herkam, die Energie, ich meine, das war einfach ein junger, aggressiver Typ, der das Zeug schrieb und noch seinen Weg suchte. Du mußt bedenken, die Songs auf unserer ersten Scheibe waren mit das erste von mir geschriebene Material überhaupt. Ich meine, ich hatte zu der Zeit schon einiges von dem “Stormrider”-Album verfaßt, und vielleicht waren die Songs besser, doch ich wollte meine Karriere katalogisieren – wie ich mich als Künstler weiterentwickle. Ich möchte, daß alle Alben mein Wachstum als Songwriter und zugleich das, was in meinem Leben passiert, unmittelbar widerspiegeln. Also tun sie das. Ich meine, ich kann auf jede dieser Platten zurückblicken und weiß genau, was in meinem Leben abging. Ich fühle es. Ich erinnere mich an jene Zeiten, wie immer sie auch gewesen sind.

MS: Mit wievielen verschiedenen Covern ist “Stormrider” im Laufe der Jahre eigentlich herausgebracht worden?

Jon: Äh, ich glaube, vier. Nein, tatsächlich sind drei auf den Markt gekommen: Das erste war einfach furchtbar. Dann folgte ein Gemälde, das war echt gut. Und dann, als sie den Katalog überarbeiteten, wurde es in einem animierten oder Comicbuch-Stil veröffentlicht.

Dieses Interview erschien auf www.homeofrock.de