REDEMPTION -Die Lektionen des Lebens (WAY UP-Version)
Irgendwann lernt jeder, was im Leben wirklich zählt. Und damit er das ja nicht wieder vergißt, wird es ihm mit Nachdruck beigebracht; meistens unfreiwillig und noch öfter auf die harte Tour. Das kann z.B. ein plötzlich anfahrender Linksabbieger sein, den man mit 100 auf die Hörner nimmt. Ansonsten greift das Schicksal – bekanntlich fast ebenso unerbittlich wie Gevatter Tod – gerne auf schwere Krankheiten zurück, um die Relationen zurechtzurücken. Bei Nicolas (Nick) van Dyk, Gründer, Gitarrist, Keyboarder und alleiniger Komponist von REDEMPTION, wurde vor drei Jahren Leukämie festgestellt. Und obgleich er in den Linernotes betont, daß “This Mortal Coil” kein Konzeptalbum über seine Krankheit ist, handelt doch jeder Text davon, kulminiert förmlich in “Stronger Than Death”. Vor diesem Hintergrund ist das ganze Album ein außergewöhnliches Ereignis!
Umso unverständlicher, daß REDEMPTION nach fünf Studio-CDs und Tourneen mit z.B. DREAM THEATER immer noch so gut wie unbekannt sind. Nick kann sich das selbst nicht erklären, aber dafür so manches andere.
MS: Wie seid ihr an “This Mortal Coil” herangegangen? Was kann man nach einem Meisterwerk wie “Snowfall On Judgment Day” (2009) mit seiner nahezu perfekten Verbindung von Melodie, Power und Anspruch überhaupt besser machen?!
Nick: Danke, du bist sehr freundlich. Nun, ich hoffe, daß wir weiterhin immer besser werden. Wir stellen an uns selbst hohe Ansprüche und hoffentlich gelingt es uns, Musik zu erschaffen, die sich mit den Menschen verbindet.
MS: Ist das vielleicht sogar das Schwierigste bei den Fähigkeiten, die ihr habt: Musik zu komponieren, die so bodenständig ist, daß ein Hörer, der kein Instrument spielt, sie verstehen und genießen kann?
Nick: Da ist es vielleicht ganz gut, daß wir in der Hinsicht ohnehin limitiert sind, denn ich habe einen ganz normalen Job und kann deshalb nicht 8 Stunden am Tag üben. Ich werde also nie so gut werden wie John Petrucci, haha! Schon allein das verhindert, daß wir Songs schreiben, die derart hohe Anforderungen an uns stellen.
Spaß beiseite; ich denke, ich habe immer versucht, den Song stärker in den Mittelpunkt zu rücken als die Technik. Manche Songs verlangen nach technischen Passagen, und andere eben nicht. Wenn es nicht im Dienste des Songs ist und an der Stelle keinen Sinn macht, nicht natürlich wirkt, dann bauen wir es nicht ein.
MS: Heißt das, daß ihr viele Parts rausschmeißt?
Nick: Nein. Weißt du, ich bin da ziemlich pingelig. Ich stelle den anderen Jungs ein neues Stück erst dann vor, wenn ich der Meinung bin, daß es “perfekt” ist, d.h. es an der bestehenden Form nichts mehr zu verbessern gibt.
Diesmal haben wir allerdings bereits sehr früh mit unserem Produzenten Neil Kernon zusammengearbeitet. Er hat Einfluß auf ein paar Arrangements und so gehabt, aber nicht auf das technische Zeug.
MS: Das Tolle an Neil ist die Bandbreite der Künstler, mit denen er gearbeitet hat.
Nick: Deshalb haben wir ihn ausgesucht. Alles von NEVERMORE bis Jazz Fusion, KANSAS, HALL & OATES… Er hat uns einen unveröffentlichten HALL & OATES-Song vorgespielt, an dem er gearbeitet hatte. Er war phantastisch! Er kennt sich mit gutem Songwriting aus, ungeachtet des Genres, in das es fällt.
Da wir in unserer Musik viele verschiedene Elemente vereinen, wollte ich sicherstellen, daß wir jemanden haben, der mit diesen geballten Einflüssen umzugehen weiß. Und dafür war er der perfekte Mann.
MS: Was war es denn, was er dem musikalischen Bild hinzugefügt hat, das ihr malen wolltet?
Nick: Weißt du, sein Einfluß war subtil. Er hat keine grundlegenden Veränderungen vorgenommen. Natürlich hat er uns einen Wahnsinnssound hingezaubert. Bei ein paar Songs wollte er hier ein zusätzliches Solo haben, da einen Refrain hervorheben, um den Hook stärker zu betonen (was eine witzige Sache ist bei einem Progressive Metal-Song). Doch das war genau das Feedback, das ich mir erhofft hatte.
MS: Die Texte des neuen Albums handeln von deiner Krebserkrankung, aber ein Konzept ist es nicht.
Nick: Inspiriert davon, aber ich wollte nicht, daß sie von mir und Krebs handeln. Ich wollte, daß mehr Menschen etwas damit anfangen können, nicht nur die, bei denen Krebs festgestellt wurde.
Es geht um unsere Sterblichkeit als Menschen. Und ob das eine Tumordiagnose ist oder eine plötzliche Krankheit oder ein Freund, der stirbt – wir alle kommen zu der Erkenntnis, daß wir eben nicht “für immer” haben. Unter diesen Umständen denkt man über vieles nach, und das Album spricht ein paar dieser Gedanken an.
MS: Wenn ein Unfall oder eine Krankheit ein Gutes hat, dann daß man erkennt, was wirklich wichtig ist (Diesen Vorgang beschreibt Nick in “Focus” sehr anschaulich.).
Nick: Ja, man bekommt einen völlig anderen Blickwinkel. Eines der Dinge, die mir aufgefallen sind, ist, daß man sich mit Nichtigkeiten unheimlich aufhalten kann. Jeden Tag passieren 100 Sachen, die dich tangieren können, und vielleicht zwei davon sind wirklich wichtig. Man lernt, sich nicht an den anderen 98 aufzureiben, sondern seine Energie auf die zwei zu konzentrieren. Du mußt jeden einzelnen Tag genießen, denn jeder Tag ist ein Geschenk.
MS: Müssen Künstler leiden, um “große” Kunst zu erschaffen?
Nick: Nicht unbedingt. Es ist, wie es ist. Ich glaube jedenfalls nicht an die Notwendigkeit des Leidens. Jeder hat seine Kämpfe im Leben, die ihn hoffentlich stärker machen. Ich denke, wir sollen in diesem Leben glücklich sein. Und ich finde, es ist nichts Falsches daran, dem Glück nachzujagen, solange man niemanden verletzt. Und wenn du zu den sehr Glücklichen gehörst, die glücklich sind, ohne hart darum gekämpft haben zu müssen, bist du keine geringere Person als jemand, der Schmerz durchgemacht hat.
So etwas prägt natürlich, ist meiner Ansicht nach aber nicht zwingend notwendig. Deine Situation ist ja nicht jeden Tag dieselbe, doch du mußt jeden Tag das Beste daraus machen.
MS: Was ist für dich das Besondere am Progressive Metal?
Nick: Die kreative Freiheit, wenn du einen Song schreibst. Du mußt dich nicht an eine Struktur halten. Ich verrate dir ein Geheimnis: Bei dem Song “Sapphire” von unserer zweiten Scheibe “The Fullness Of Time” (2005) spielt Bernie (Versailles, AGENT STEEL) das zweite Solo über die Akkordfolge eines Trauermarsches von Chopin.
In einen Popsong könntest du nie 32 Takte von Chopin einbauen, sie aufmotzen, ein Gitarrensolo darüberlegen und den Takt von 4/4 in 5/4 ändern. Das kannst du in anderen Musikstilen nicht machen. Deshalb finde ich die Kombination aus Aggression – die eine gute Katharsis ist – und der Möglichkeit, jedes musikalische Element, das man will, hinzuzufügen, so klasse.
Dieses Interview erscheint im WAY UP #38