Auf ein Wort!

Oh nein, jetzt treibt sich dieser Spacko auch noch im Netz rum!!! Tut dat Not?!? Aber hallo! Hier gibt es Interviews, Reviews und mehr. Allem gemeinsam: Der ganze Krempel ist komplett von mir! Ob das ein Vor- oder Nachteil ist, muß jeder für sich selbst entscheiden... Was wollt Ihr sonst noch hier sehen? Ideen habe ich reichlich, möchte aber zuerst wissen, was Euch interessiert. Teilt es mir mit, z.B. als Kommentar. Spezielle Fragen zu mir und meiner Arbeit, Lob und Kritik aller Art ("Wie besoffen muß man sein, um so einen Mist zu verzapfen?") - egal was. Bin gespannt, wie sich das hier entwickelt... Haut rein, Ihr Eierbären! Michael P.S. Das Copyright aller Texte auf dieser Seite liegt ausschließlich bei Michael Schübeler.

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SOLITUDE – Virtual Image

(Spiritual Beast/Japaneigenveröffentlichung)
6 Tracks, 36:38 min.
“Virtual Image” ist zwar alles andere als ein neues Album, aber da es in Deutschland trotz Feature auf der vierten “Metal Crusade”-CD des HEAVY, ODER WAS!? bislang nicht vertrieben wird, dürften nur wenige mit dem Namen SOLITUDE etwas anfangen können.
Wie die meisten japanischen Gruppen sind auch diese Jungs musikalisch allererste Sahne. [...]

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ERIK NORLANDER – Nie zu beschäftigt für Qualität!

Montag, 16. August 2010

Man mag darüber streiten, ob Erik Norlander der beste Keyboarder ist. Auf jeden Fall ist er der kreativste. ROCKET SCIENTISTS, LANA LANE, Solo-Schleifen – wie schafft der Mann das alles?! Noch dazu ohne jemals nachzulassen und von einer Qualität, daß man nur staunend mit den Ohren schlackert.

 

MS: Erik, du bist an so vielen Projekten beteiligt,  daß es keinen Grund  zu geben scheint, zusätzlich noch Solo-Platten zu machen. Weshalb also “Into The Sunset”?

Erik: Wir haben so hart mit LANA LANE gearbeitet, aufgrund all der Aktivitäten in Japan, wo sie regelrecht durch die Decke geschossen ist. Dadurch hatten wir plötzlich eine Menge Sachen für LANA am Laufen.

Wir haben das “Garden Of The Moon”-Album gemacht, das sehr erfolgreich war. Deshalb mußten wir anschließend touren, dann hatten wir das Live-Album, danach eine EP, eine Balladen-Kollektion, das Re-Issue des Debüts. Es bestand ein riesiges Interesse an LANA LANE, was ganz großartig war.

Doch LANA LANE ist eine sehr spezielle Künstlerin, und die Musik ist eine sehr spezielle Balance zwischen Hardrock und Progressive Rock, zwischen gesangsorientierter und instrumentaler Musik. Also lebte ich eine Zeitlang in jener Welt

Zudem hatten wir die Arbeiten am dritten ROCKET SCIENTISTS-Album begonnen, woraus “Oblivion Days” entstand. Die ROCKET SCIENTISTS sind wiederum etwas ganz Spezielles, aufgrund der Balance zwischen mir und meinem Progressive Rock und Mark McCrite und seinen Pop/Psychedelic BEATLES-Einflüssen.

Deshalb stand für mich 1998 fest, daß ich eine weitere Solo-Scheibe machen würde, die mehr meinem eigenen Stil entspricht – und nur meinem Stil. Ich wollte das, wo ich zu der Zeit drin war, voll ausschöpfen. Also fing ich 1998 an, Songs aus der Vergangenheit zu sammeln, sowie Ideen, die mir im Laufe der Jahre gekommen waren. Ich stellte ein paar Demos zusammen, arbeitete in der Zwischenzeit aber sowohl an den  verschiedenen LANA LANE-Projekten wie auch an ROCKET SCIENTISTS´ “Oblivion Days”, das wir 1999 fertigstellten.

Direkt im Anschluß daran – ich glaube, es war im Juli 1999 – habe ich mir einen Monat Zeit genommen und “Oblivion Days” von oben bis unten  in Demoform aufgenommen. Im August 1999 nahm ich  hier in Los Angeles mit Drummer Greg Ellis und Basser Tony Franklin die Basistracks für die Platte auf. Von dem Augenblick, in dem ich wußte, daß ich es  machen wollte, bis zum Beginn der Aufnahmen dauerte es also etwa 18 Monate.

Da ich, wie du weißt, einen übervollen Terminkalender habe, muß ich immer erst alle anderen Verpflichtungen erfüllen, bevor ich überhaupt daran denken kann, ein Solo-Album in Angriff zu nehmen.

MS: Stand für dich von Beginn an fest, daß es diesmal keine Instrumental-Platte werden würde?

Erik: Es war ziemlich klar. Bis jetzt war jeder Alleingang ein bißchen experimentell für mich. Ich möchte versuchen, neue Gebiete zu betreten, wenn ich ein Solo-Album mache.

Bei meinem ersten, “Threshold”, war ich zuvor ebenfalls mit mit LANA  LANE und ROCKET SCIENTISTS beschäftigt gewesen, und ich wollte ein Rock-Album auf den Keyboards machen. Also nahmen wir  die Vocals weg, und  die ganze Spannung, Farbe, das ganze Interesse mußte von den Keyboards kommen.

Darum machte ich “Threshold”: Es war eine Herausforderung für mich, und ein Experiment, um zu sehen, ob ich sowas hinkriegen kann.

MS: Wie siehst du “Threshold” heute?

Erik: I enjoy it very much! Ich habe es mir vor ungefähr einer Woche mal wieder angehört. Ich bin sehr glücklich damit! Es ist sehr interessant und auch einzigartig, denke ich.

MS: Einige Parts von “Waltz Of The Biots” erinnerten mich ein wenig an neueere Musik von Peter Gabriel.

Erik: Oh, interessant! Ich weiß, daß Peter Gabriel viel Percussion aus dem  Mittleren Osten und metallische Synthesizer-Sounds verwendet hat. Besonders auf dem Soundtrack zu “Die letzte Versuchung Christi” kann ich vielleicht einige Ähnlichkeiten hören.

Ehrlich, ich mag Peter Gabriel, und ich respektiere ihn als Künstler, aber ich bin kein großer Fan von ihm. Daher denke ich, daß jede Ähnlichkeit reiner Zufall ist.

MS: Der Japan-Bonus von “Threshold” war “Hyperspace”. Hast du das speziell für diese Scheibe gemacht, oder war das von einem anderen Projekt übriggeblieben?

Erik: Tatsächlich war es ein Demo. Ich benutzte Drumloops bei dem Stück. Es spielt kein echter Schlagzeuger darauf, es ist nur eine Serie von Loops. Und dann hatte ich Don Schiff als Bassisten, der spielte obendrüber. Ich fand, das paßte gut zusammen.

Ich nahm es für “Threshold” auf, und dann noch mal komplett neu mit Live-Drums, war jedoch mit dem Ergebnis nicht so richtig glücklich. Das Demo gefiel mir  einen Tick besser. Deswegen verwendete ich das Demo als Bonus.

Ich denke, das ist legitim für einen Bonustrack, etwas zu haben, das ein klein bißchen anders ist. Ich denke, auf fast allen unseren Alben unterscheiden sich die Bonustitel vom Hauptalbum. Ich hoffe, ich kann “Hyperspace” eines Tages in einer Full-Band-Version aufnehmen, vielleicht mit den ROCKET SCIENTISTS, denn ich mag die Nummer sehr gerne.

MS: Weshalb hast du dich entschlossen, “Neurosaur” neu aufzunehmen?

Erik: Das ist eine gute Frage! “Neurosaur” ist zuerst und vor allem ein Gitarrenriff! Nun hatte ich aber vorgegeben, daß auf “Threshold” keine Gitarren  sein sollten. Ich spielte alles auf den Keyboards und kreierte einige Gitarren-ähnliche Sounds. Es waren aber immer noch Keyboards und Synthesizer.

Wir spielten den Song mit den ROCKET SCIENTISTS auf unserer Tour 1997 und dann noch ein paar Mal auf weiteren Touren danach. Bei den ROCKET SCIENTISTS ist natürlich ein Gitarrist dabei. Deshalb sagte ich: “Hey, das ist ein geiles Gitarrenriff! Also sollte man es auch auf der Gitarre spielen!” Es machte mich an, wie es rüberkam.

“Into The Sunset” hat einen heavieren, symphonischen Sound, streift stellenweise gar Progressive Metal-Gefilde. Ich dachte: “Das ist eine gute Gelegenheit, “Neurosaur” mit Betonung auf die Gitarre aufzunehmen, stärker als die Tassten.” Und ich dachte an einige RUSH-Songs wie “La Villa Stangiato”, “YYZ” und diese Sachen, und ich war der Ansicht, es hätte etwas von jener Qualität. Also arbeitete ich mit Arjen Lucassen daran, und er  sagte: “Es ist perfekt! Es klingt, als wäre e s für die Gitarre geschrieben worden!”

Also nahmen wir es in einer vollkommen anderen Richtung auf. Und ih denke, es ist sehr interessant! Ich denke, es unterscheidet sich ziemlich von der “Threshold”-Version. Und wieder ist es ein Bonustrack. Deshalb denke ich, daß es okay war, ein bißchen zu experimentieren und zu versuchen, einem alten Stück eine neue Dimension zu verleihen.

MS: Da du die Hauptkraft hinter allen Projekten bist, an denen  du beteiligt bist, würde ich gerne wissen, inwiefern es anders ist, wenn du weißt, daß der Song, an dem du gerade arbeitest, auf einer CD unter deinem eigenn Namen landen wird.

Erik: Nun, gewiß bin ich der Produzent all dieser Projekte, aber nicht notwendigerweise die treibende Kraft. Ich bin EINE treibende Kraft, aber bei LANA LANE ist die ganze Musik um Lanas Stimme herumgebaut. Wir versuchen, interessante und komplexe Arrangements und  schöne Soli und Instrumentalpassagen zu kreieren, aber immer um die Stimme herum. Das hat bei LANA LANE oberste Priorität.

Bei den ROCKET SCIENTISTS ist es die Zusammenarbeit von Mark McCrite und mir, die die Richtung bestimmt. Das heißt, daß Marks Stil sehr stark auf die Musik einwirkt. Das wiederum bedeutet, daß eine Kelle BEATLES-Pop in die Musik eingeflochten wird. Deshalb kann es nie zu heavy oder zu hart werden, denn dann würde die Balance zwischen mir und Mark verlorengehen.

Mit “Into The Sunset” wollte ich ein sehr bombastisches, heavies, symphonisches Album schaffen, mit harten Gitarren und aggressiven Vocals, einige sehr aggressive männliche Vocals wie Glenn Hughes und Robert Soeterboek. Das sind Sachen, die ich mit LANA LANE oder den ROCKET SCIENTISTS nicht machen kann.

Für mich sind die Unterschiede zwischen diesen drei Projekten sonnenklar. Und ich denke, man kann sie nicht  miteinander verwechseln. Selbst bei einem Song wie “Fly” auf “Into The Sunset”, der von Lana gesungen wird, denke ich nicht, daß er wie ein LANA LANE-Song klingt. Ich finde, auf einer Platte von ihr wäre er fehl am Platz.

In meinem Kopf ist alles ganz klar, und wenn ich an einem dieser Projekte arbeite, widme ich ihm 100 % Aufmerksamkeit, vielleicht 102 %. Ich kümmere mich dann um nichts anderes. Mein Kopf ist in einem Raum, wenn ich an ROCKET SCIENTISTS-Sachen arbeite, in einem anderen für LANA LANE, und in einem dritten, wenn es um meine Solo-Alben geht.

MS: Haben die AYREON-Alben dich dazu inspiriert, auf “Into The Sunset” mit mehreren Sängern zu arbeiten?

Erik: That´s absolutely true. Und vor ihm hat das noch ein anderer Künstler gemacht, und zwar jahrelang: Alan Parsons. Ich bin ein großer Fan von ihm, und ich wollte immer ein Album mit verschiedenen Sängern machen. Ich  erfuhr vor einigen Jahren durch unseren Freund Michael Bäcker von AYREON, und was ich hörte war eine Hardrock-Variante von Alan Parsons. Dieselbe Idee, verschiedene Sänger, aber eine feste Band und ein einheitlicher Sound, der sich durch die Platte zieht.

Als ich AYREON entdeckte, wurde mir klar, daß man es tun könnte. Und ich fand, es war etwas, das ich tun sollte. Ich war von AYREON schwer beeindruckt. Die Mischung der Sänger war äußerst sensibel zusammengestellt. Das war der letzte Anstoß für mich, “Into The Sunset” zu machen. Und Arjen Lucassen hat mich bei meinem Vorhaben vehement unterstützt. Ich erzählte ihm davon, und er sagte: “Du solltest das machen! Du hast so viele Ideen, die du mit LANA LANE oder den ROCKET SCIENTISTS nicht realisieren kannst!”

MS: Ich war erstaunt, Glenn Hughes auf der Platte zu hören, denn er hatte mir erzählt, daß er der ganzen Projekte überdrüssig sei und das  sowieso übertrieben habe.

Nichtsdestotrotz hat er auf “Rome Is Burning” exzellente Arbeit geleistet.

Erik: Ja, das denke ich auch. Ich habe mit Glenn darüber gesprochen. Weißt du, wir haben vorher schon zusammengearbeitet. Wir haben den Song “Knife´s Edge” für den ELP-Tribute von Magna Carta aufgenommen.

Unsere Bekanntschaft kam durch Keith Emerson zustande. Glenn und Keith spielten einige Shows um Los Angeles herum. Keith lud mich zu einer davon ein und stellte mich Glenn vor. Wir kamen auf Anhieb toll miteinander klar. Er ist ein echt netter Kerl. Seine Performance bei der Show hat mich umgehauen. Danach machten wir den Song für den ELP-Tribute. Ich blieb in Kontakt mit ihm, und als ich “Rome Is Burning” geschrieben hatte, dachte ich: “Ich muß Glenn dafür haben! Es ist der perfekte Song für ihn. Ich könnte mir keinen anderen Sänger dafür vorstellen.”

Also rief ich ihn an, schickte ihm den Song. Er mochte ihn und war glücklich, darauf zu singen. Ich denke, die Kombination aus unserer Erfahrung zuvor und die Tatsache, daß ihm die Nummer sehr zusagte, hat es für ihn so angenehm gemacht.

Doch ich weiß,  daß er auf vielen Alben gesungen hat. Er hat viel Sessionarbeit gemacht, und ich kann mir vorstellen, daß das auf die Dauer sehr ermüdend ist. Doch als er rüberkam, hatten wir eine wundervolle Zeit, viel Spaß, und er hat phantastisch gesungen – no trouble at all! Wir hatten einen tollen Tag!

MS: Auf Songs wie “Lines In The Sand” klingt Robert wie Gary Barden, der frühere MSG- und PRAYING MANTIS-Sänger, an  einem sehr guten Tag. Ich finde, er ist der perfekte Sänger für deine Musik.

Erik: Oh, danke dir! Ich denke, Robert hat eine schöne Stimme, eine große Stimme, eine powervolle Stimme. Ich hörte sie auf den ersten beiden AYREON-Alben. Besonders stark fand ich die Harmoniearbeit, die er auf “Actual Fantasy” bei Songs wie “The Abbey Of Sin” und “Stranger From Within” geleistet hat. Ich finde, er klingt einfach phantastisch – ein bißchen wie David Coverdale vielleicht. Aber er hat einen etwas wärmeren Ton, und ich spüre mehr Feeling bei Robert. Es wa rklasse, ihn für mein Album zu gewinnen.

Er ist ein toller Kerl; sehr nett, sehr enthusiastisch, und ich hoffe, ich kann in Zukunft noch viel mit ihm zusammen machen. Und weißt du, danach haben wir ihn gleich für den Harmoniegesang  auf Lanas “Secret Of Astrology” angeheuert. Ich fand, daraus ergab sich ein schöner Sound; die harte, rauhe Stimme von Robert und Lanas. Eine rezvolle Kombination.

MS: Die japanische Pressung von “Into The Sunset” enthält einen 17minütigen Bonustrack namens “Alchemy And Astronomy”.

Erik: Ich schrieb den Song 1994, unmittelbar nachdem wir das erste ROCKET SCIENTISTS-Album “Earthbound” veröffentlicht hatten. Es ist also ein recht altes Stück. Ich schrieb es auf dem Piano, bastelte es aus einer langen Improvisation von mir zusammen. Es war etwas, womit ich über eine lange Zeit hinweg immer wieder herumgespielt habe.

Wenn ich in ein Studio gehe,  um einen Keyboardsound auszutüfteln oder Sessionarbeit zu machen, habe ich es jedesmal auf dem Piano geklimpert. Ich nahm noch 1994 ein sehr ursprüngliches Demo davon auf, und wir überlegten, es aufs zweite ROCKET SCIENTISTS-Album “Brutal Architecture” zu nehmen. Da hatten wir mit “Mariner” aber schon einen sehr langen, epischen Track von mir. Wir dachten, zwei Nummern dieser Art wären ein bißchen zuviel.

Und wieder: “Alchemy And Astronomy” hat vielleicht weniger mit den ROCKET SCIENTISTS zu tun als ein Stück wie “Mariner”. Es enthält einige sehr atmosphärische, fast jazzige Sektionen, mit Saxophon und so. Daran schließt sich ein stark keyboardorientierter instrumentaler Abschnitt an, der eine Menge Energie freisetzt und fast eine Reminiszenz von “Threshold” sein könnte. Es war ein äußerst persönlicher Song für mich, und ich war froh, ihn auf meinem Solo-Album herausbringen zu können.

Diese Sache mit den Bonustiteln ist immer ein bißchen frustrierend, weil es nie DAS Album gibt, eine Version des Albums. wo alle Stücke drauf sind. Ich weiß, daß es für die Fans frustrierend ist, aber für mich als Künstler ist es das genauso, denn selbstverständlich möchte ich, daß jeder alle Songs hören kann.

Daß derjenige, der das will, sich zwei Versionen der Scheibe zulegen muß, ist unfair, ganz  klar. Das ist ein Problem, und ich hoffe, daß wir das eines Tages nicht mehr machen müssen. Im Moment geht es wegen der Politik in Japan und Europa nicht anders. Das ist enorm schwierig für uns. Wir können nicht einfach sagen: “Alle bekommen das gleiche Album. Wir machen keine Bonustracks mehr!”

Ich kann mich bei den Hörern nur dafür entschuldigen. Für uns ist das ebenfalls eine sehr frustrierende Situation.

MS: Dir scheint sehr daran gelegen zu sein, daß deine Platten mit einer Einleitung beginnen, um den Hörer in die richtige Stimmung zu versetzen.

Erik: Absolut! That´s absolutely the case. Ich versuche jedes Album wie eine Symphonie oder ein Bühnenstück aufzubauen. Wenn man eine Platte so angeht. braucht man eine Prélude oder eine Overtüre oder einen Prolog.

Ich will nicht in der Situation sein, daß du eine Scheibe auflegst, einen großen, lauten Gitarrenakkord hörst und sofort im erst kommerziellen Stück drin bist. Ich möchte künstlerischer sein, daß es mehr eine Herausforderung für den Hörer ist als einfach nur eine weitere Sammlung von Liedern.

MS: Und was ist der “Nutzen” von Songs wie “Fanfare For The Dragon Isle”?

Erik: Nun, das ist ein -zwischenspiel. Es bildet den Übergang von “Rome Is Burning” zu “Fly”.

Weißt du, “Rome Is Burning” besitzt soviel Energie, ist so intensiv, daß, wenn “Fly” direkt danach käme, man vielleicht gar keine Veränderung bemerken würde. Es sind völlig verschiedene Songs, sie haben ein ganz unterschiedliches Gefühl, obwohl sie größtenteils high energy sind und beide einen langsamen, atmosphärischen, ruhigen Part beinhalten. Die Fanfare trennt die Stücke voneinander. It sort of clears the palette, makes the transition between the two songs.

Das ist auch der Sinn von “Dreamcurrents”: Es ist einfach ein schönes, symphonisches Zwischenspiel. “Dreamcurrents” greift auch das Thema von “Fly” auf. Somit ist “Fly” fast ein Song in drei Teilen. Man kann “Fanfare For The Dragon Isle”, “Fly” und “Dreamcurrents” als drei Teile einer Suite betrachten. Ich habe sie auf dem Album allerdings nicht entsprechend gekennzeichnet, weil ich denke, daß alle drei Teile für  sich alleine stehen. Sie fließen jedoch auf eine äußerst symphonische Weise zusammen.

MS: Wenn du dir einen deiner Texte ansiehst und ihn mit einem vergleichst, den Lana geschrieben hat, erkennst du dann irgendeinen grundlegenden Unterschied im Ton oder in der Perspektive?

Erik: Ich denke, Lanas Texte sind ein wenig abstrakter und surrealer. Ich glaube, meine Bildersprache ist ein bißchen konkreter. Natürlich versuche ich immer noch, sehr surreal und phantasievoll zu schreiben, doch ich denke, meine Bilder  sind sind etwas konkreter und realer. Lanas sind träumerischer und fantasyorientierter.

Ich denke, darin liegt der Hauptunterschied. Ich würde sagen, sie ergänzen sich gut, aber es gibt definitiv einen Unterschied. Ich glaube nicht, daß irgendjemand meine Texte mit Lanas verwechselt und umgekehrt.

MS: Wenn du ein Album komplett am Keyboard schreibst und  mehr oder weniger auch damit aufnimmst, ohne Gitarren, lernst du dann noch viel über ein Instrument, das du zuvor zu kennen glaubtest?

 

Erik: Ja, das trifft absolut zu. Als Produzent und als Künstler und als Keyboarder mußt du als erstes einsehen, daß du nichts weißt. Du mußt versuchen, aus dem bißchen, das du weißt, das Beste zu machen und stets für alles offen und bemüht sein zu lernen.

MS: So ist das Leben!

Erik: So ist das Leben, das sehe ich genauso. Und wenn du denkst, du wüßtest alles, dann bist du ein narr, denn niemand weiß irgendwas!

Der Witz ist: Ich bin gerade 33 geworden, und ich habe das Gefühl, daß ich mit 33 viel weniger weiß als mit 18.

MS: 18 ist das Alter, in dem “wir für eine begrenzte Zeit unsterblich sind”, um RUSH zu zitieren.

Erik: Stimmt, ich erinnere mich an den Song. Ich halte Neil Peart für einen der großartigsten Texter aller Zeiten.

MS: Das ist er. Und manchmal frage ich mich: “Ob er das wohl selber weiß?”

Erik: Hahaha! Vielleicht nicht! Wenn er selbst das von sich glauben würde, wäre er es nicht.

MS: Ich habe das Gefühl, selbst wenn ihm jeder erzählte: “Wow, das ist klasse!”,  wäre er immer noch frustriert, weil er seiner Ansicht nach den Punkt nicht hundertprozentig getroffen hat.

Erik: Das muß so sein bei jedem Künstler! Wenn du eine Platte machst und sagst: “Das ist es! Es ist perfekt!” – it´s not! Wenn das Album abgeschlossen ist, mußt du das Gefühl haben, daß es noch ein bißchen besser sein könnte. Ich denke so, Lana denkt so, Arjen, Mark McCrite – wir alle denken so!

Wir tun das Allerbeste, was wir können, und, weißt du, wir müssen das Album  zu einem festen Terminentlichen. Wir können uns uns für eine Platte nicht 5 Jahre Zeit lassen wie PINK FLOYD, haha. Und selbst wenn du dir 5 Jahre nehmen würdest, würde etwas verlorengehen, weil du dich in 5 Jahren als Mensch veränderst. Du kannst  ein Album nicht als ein Mensch beginnen und als ein anderer beenden. Das muß in einem vernünftigen Zeitraum durchgezogen werden, meine ich.

MS: Hast du als Künstler jemals gravierende Fehler gemacht, Dinge die du geschrieben oder nicht geschrieben hast?

Erik: Wow! Das ist eine schwere Frage. Ichh abe beim Aufnehmen der Alben Fehler gemacht, und dann mußte ich alles noch mal machen oder neu abmischen.

Aber oftmals sind Fehler eher Hindernisse, die man zu der Zeit nur schwer überwinden kann. Zum Beispiel Lanas Debüt “Love Is An Illusion”: Wir nahmen die Scheibe fast ohne Geld auf. Das Ganze fand in meinem Studio statt, und das war ganz neu, und die Ausstattung war echt mickrig. So wurde es musikalisch toll, doch es ist wahrhaftig nicht die am besten klingende Platte der Welt. Deswegen habe ich 1998 die große Re-Issue-Version realisiert, weil wir  es uns da leisten konnten und es es richtig machen konnten.

Deshalb weiß ich nicht, ob das Original 1995 ein Fehler war. Es war eher keiner, denn es brachte Lanas Karriere zum Laufen. Jeder hörte die Musik, und zwar durch die Low-Budget-Produktion hindurch.

Aber es gab Hindernisse. Es gibt immer Hindernisse. Hindernisse mit Musikern. Hindernisse mit bestimmten Songs. Sogar mit bereits aufgenommenen Songs. Du nimmst ein paar Tage lang  das Schlagzeug auf und findest dann heraus, daß auf der Snare ein Klingeln ist. Oder der Baß ist ein bißchen verstimmt. Es gibt immer irgendwas, womit man sich herumschlagen muß.

Doch ich empfinde kein Bedauern für irgendetwas, das ich herausgebracht habe. Auf alles mit meinem Namen drauf, das man kaufen kann, bin ich mächtig stolz. Und es repräsentiert die Zeit, in der es aufgenommen wurde.

MS: Die sogenannten Klassiker unterscheiden sich von “gewöhnlichen” Platten vor allem durch die Atmosphäre. Woher kommt die?

Erik:I think it can come from  a lot of places. Ein Teil kommt gewiß von der Produktion, dem Sound und der Technik, die man einsetzt, um diesen zu bekommen. Ein anderer Teil rührt von den Synthesizern und der Gitarre her.

Noch entscheidender ist freilichder Spirit der beteiligten Musiker: die Art, wie der Gitarrist eine Note anschlägt, oder wie der Sänger eine Note mit seinem Vibrato veredelt. Das ist es, was der Hörer spürt, was die Platte für ihn zu etwas Besonderem werden läßt.

MS: Kannst du den musikalischen Kurswechsel von Acts wie QUEENSRYCHE nachvollziehen? Weißt du, was ihnen heute abgeht? Wissen SIE es?

Erik: Nun, weißt du, Menschen verändern sich. Und Bands bestehen nun mal aus Menschen. Das macht es kompliziert. Und d as Musikgeschäft ist extrem hart. Du hast ständig Ärger um Kohle, Deals und solches Zeug. Das kann sich schon auf die Musik auswirken. Das ist ein weiterer schwieriger Teil.

Ich denke, Musik ist die stärkste Kraft im Universum. Sie kann dich motivieren. Sie kann dich glücklich machen oder traurig. Sie kann dich von einem sehr dunklen Ort wegführen. Eine Zeile kann, wie du gesagt hast, dein ganzes Leben verändern. That´s why I´m in music. That´s why I play music.

MS: Wann hast du angefangen?

Erik: Seit ich 17 bin mache ich professionell Musik. Bis zu meinem 30. Lebensjahr mußte ich jedoch einen ganz normalen Job ausüben, um über die Runden zu kommen.

Und ich finde es interessant, daß wir eine Platte wie sagen wir “Brutal Architecture” von den ROCKET SCIENTISTS machen würden. Das war 1995. Sie kam herauss und erhielt einige gute Reviews, erreichte aber erst 4 oder 5 Jahre später ein großes Publikum.

1997 tourten wir in Europa, spielten auf dem Festival in Bruchsal und das alles, und selbst zu der Zeit dachte ich, daß nur sehr wenige Leute wüßten, wer die ROCKET SCIENTISTS sind. Und seit 1998 erzählt mir jeder, wie großartig “Brutal Architecture” sei, ein Klassiker und so. Und ich denke bei mir: “Wo wart ihr alle, als wir das Ding 1995 herausbrachten und alles versuchten, damit es ein Erfolg wurde?!” Wir hatten ungeheuer hart daran gearbeitet, sahen jedoch fast keinen Erfolg. Der stellt sich erst jetzt, 5 Jahre später, allmählich ein.

Jetzt, nachdem wir seit 10 Jahren Platten aufnehmen, werden sie direkt nach ihrem Release zur Kenntnis genommen. Das hat viel mit den Plattenfirmen zu tun, mit denen wir heute zusammenarbeiten. Wir arbeiten mit  ein paar sehr, sehr guten Labels.”Oblivion Days”, “Secrets Of Astrology” und “Into The Sunset” wurden sofort beachtet und als großartige Alben gewürdigt.

Früher war das nicht der Fall. “Love Is An Illusion”, “Brutal Architecture”, “Threshold” brauchten Jahre, um anerkannt zu werden. Es gab zwar einige Fans, die sich sofort auf jede neue Scheibe stürzten, aber auf breiter Basis tat sich wenig.

“Oblivion Days” und “Into The Sunset” sind sehr beständig, was Atmosphäre, Stimmung und dergleichen betrifft, aber wenn ich jedes Jahr ein solches Album abliefern müßte, würde ich wohl Probleme kriegen. LANA LANE ist in dieser Hinsicht viel leichter, weil es songorientierter ist. Außerdem sind d aran viel mehr Leute beteiligt: Lana, ich, Arjen Lucassen, Mark McCrite, Neil Citron, Darnelle Kern, Don Schiff – viele Leute schreiben für LANA LANE. Weil es gesangsorientierter ist, ist es weitaus einfacher. 

Doch um ein progressives, atmosphärisches Album zu machen, braucht es Zeit. Und man muß von Anfang an eine klare Vorstellung davon haben. Wir benötigten 2 Jahre, um “Oblivian Days” aufzunehmen!

Dieses Interview erschien im EMPIRE #57/58 (1+2/01)

IGNITOR – Underground vom Feinsten!

Sonntag, 15. August 2010

Es passiert zum Glück so gut wie nie, aber ganz gefeit ist man ebenfalls nie davor, daß sich ein Interview sozusagen selbst überholt. Tritt der seltene Fall dann doch einmal ein, stellt sich die Frage, wieviel des Inhalts von Band und Artikel davon betroffen sind. Die Situation sah beim Schreiben dieses Artikels jedenfalls so aus: Sängerin Erika und Gitarristin Annah Moore, beide auf “Road Of Bones” zu hören, haben IGNITOR verlassen. Für Annah kam Beverly Barrington, die Ex-Frau von Leadgitarrist Stuart “Batlord” Laurence, zurück. Der Ausstieg von Erika ist aus meiner Sicht auch deshalb bedauerlich, weil sie Texte schrieb, die nicht nur inhaltlich ungewöhnlich waren – sie benutzte Worte, die ich in Songlyrics noch nie gesehen habe. Sie hatte ihren eigenen, durchaus poetischen Stil und zog ihn konsequent durch, auch wenn die Worte schwierig zu singen waren.

“Road Of Bones” ist zwar kein Klassiker geworden, aber allemal ein ein ehrliches Stück Schwermetall mit guten, teilweise (”Castle In The Clouds”, “God Of Vengeance”) sehr guten Songs und noch mehr Underground-Flair. Im übrigen ist ein derart klassisches, meinetwegen auch altmodisches (im Sinne von traditionell und konventionell) Power Metal-Album wie eben “Road Of Bones” in unserer trendverseuchten Zeit schon wieder etwas Besonderes.

Daß seit der EP “Take To The Sky” drei Jahre ins Land gezogen sind, ehe man von IGNITOR wieder etwas hörte, war von Seiten der Band nicht beabsichtigt. Drummer Pat Doyle: “Erst ging uns unsere erste Gitarristin Beverly flöten. Daß sie und unser zweiter Gitarrist Stuart damals mitten in der Scheidung steckten, machte das Ganze nicht gerade einfacher… Wir hätten sie gerne behalten, aber mit beiden zusammen ging es einfach nicht. Wir mußten also erst einen neuen Axeman finden (siehe oben), bevor wir wieder ins Studio gehen konnten, um dieses Album einzuspielen. Ende 2005 waren wir fast soweit, als wir aus Deutschland (vom “Keep It True”-Festival) zurückkamen, aber unter anderem technische Probleme warfen uns ein weiteres Jahr zurück. Die Suche nach einem geeigneten Label dauerte noch einmal 6 Monate. Auf der Businesseite ist es zumindest bis dahin nicht so toll für uns gelaufen. Na ja, dafür lassen uns Cruz del Sur freie Hand. Sie mögen uns so, wie wir sind. Deshalb haben sie uns schließlich unter Vertrag genommen!”

Ungeachtet aller Verzögerungen war der Songfundus, aus dem man den Silberling bestücken konnte, nicht besonders groß, hauptsächlich deshalb, weil alle Mitglieder berufstätig sind. “Wir sind nicht gerade produktiv. Wir schreiben schon eine Menge, aber davon ist vieles nicht so stark, daß daraus komplette Songs werden. Vielleicht ändert sich das in Zukunft. Die Teile sind ja nicht für immer verloren!” Pat ist der Ansicht, daß “Road Of Bones” so gut geworden ist, wie es werden konnte (”Mich darfst du nicht fragen – ich bin nur der Drummer!”). Ihm und Bassist Brendan Bigelow gefällt vor allem der rauhe Sound. Eine Einschränkung machen beide aber doch: “Rückblickend hätte man aus dem Mastering mehr rausholen können. Speziell die Gitarren könnten lauter sein. Aber schließlich haben wir alles selbst gemacht. Dafür und angesichts des Budgets sind wir mit dem Ergebnis vollauf zufrieden.”

Das Artwork von “Road Of Bones” paßt sehr gut zur Musik, sowohl dem Stil als auch der Atmosphäre. Joe Petagno hat sogar den legendären “Motörhead” in das Cover integriert. Brendan dazu: “Joe war sehr großzügig, er hat uns einen Preis gemacht. Für ihn ist die Kohle eh nicht das Entscheidende.” Wie wichtig sind zwei Gitarren für die Band? Und was für ein Typ muß der zweite Mann (bzw. Frau) sein, um mit Stuart zu harmonieren? Brendan versucht die Frage aus der Sicht eines Bassisten zu beantworten: “Von Anfang an gehörten Harmoniegitarren zu unserer Vorstellung von dieser Band. In den Gitarrenteilen sind stets Harmonyparts enthalten. Bei allem, was Batlord schreibt, hat er das im Hinterkopf. Annah spielt ebenfalls sehr melodiös, wie ein zweiter Leadgitarrist. Sie wird in Zukunft mit Sicherheit das eine oder andere Solo übernehmen.” Wie siehst du deinen Job als Bassist? Was tust du, um die Musik zu verbessern? “Nun, ich habe einen Death Metal-Background und versuche, das Schlagzeug und die Gitarren zusammenzubringen. Die Parts, die einzelnen Noten sind oft so schnell, und der Drumbeat dagegen viel langsamer. Meine Aufgabe besteht darin, diese beiden Rhythmen miteinander zu verknüpfen.” Nicko McBrain von MAIDEN meint: “Bassist und Drummer müssen einfach tight zusamenspielen, koste es, was es wolle.” Viele Four-Stringer orientieren sich jedoch am Gesang. Wie ist das bei dir? “Im Heavy Metal ist es für einen Baßmann nie verkehrt, sich nach den Drums zu richten. Ich meine, hör dir nur mal CANNIBAL CORPSE an! Die Gesangskiste, von der du sprichst, findet man eher in der Popmusik. Die BEATLES haben das sehr oft gemacht. Paul McCartney war darin echt groß. Das ist eine tolle Art zu spielen, aber unsere Musik ist so schnell… Kurz gesagt: Ich spiele meistens eine Variation von dem, was die Gitarren spielen, aber im Rhythmus der Drums. Aber ich klebe da nicht dran. Wenn mir etwas einfällt, das mir an einer bestimmten Stelle passend erscheint, spiele ich es natürlich.”

So stark “Road Of Bones” auch sein mag, im Grunde deutet es nur an, wozu IGNITOR Tatsächlich fähig sind. Dennoch war Brendan “immer sehr dankbar für die Musikalität in dieser Band”. Die äußert sich unter anderem in der Ausgewogenheit von Harmonien und Roughness, einer der größten Stärken des Albums. “Dein Statement bestätigt, was ich eben sagte: daß Melodien für unss ehr wichtig sind. Batlord kommt für gewöhnlich mit Songgerüsten an, die dennoch ziemlich ausgefeilt sind.” Was mich ein wenig irritiert: In der zweiten Hälfte steigt die Qialität der CD deutlich an. “Das ist interessant. Vielleicht steckt in den Songs einfach mehr Dynamik. Ich bin aber eigentlich nicht der richtige Mann, um das zu beurteilen.” Er ist halt nur der Bassist…

 Dieses Interview erschien im WAY UP #32

SYMPHORCE – Power in Blau!

Dienstag, 03. August 2010

Ähnlich wie KAMELOT oder NEVERMORE haben auch SYMPHORCE bisher noch keinen richtig schlechten Song gemacht. Zu NEVERMORE gibt es darüber hinaus auch noch geschäftliche und musikalische Parallelen, vergleicht man deren “Enemies Of Reality” mit dem neuen Dampfhammer von SYMPHORCE, “Twice Second”.

“Kann schon sein,” meint Gitarrero Cedric “Cede” Dupont und fährt fort:

Sagen wir mal so: Um die Musik geht´s eigentlich immer am wenigsten. Bei NEVERMORE kommt ja noch dazu, daß das die letzte Platte war, die sie für Century Media machen mußten. Bei denen hat´s wohl wahrscheinlich auch gut gekracht. Darum haben die sich wahrscheinlich gesagt: “Gut, jetzt machen wir halt noch ´ne Scheibe, die einigermaßen gute Songs enthält. Bei der Produktion sparen wir uns ein bißchen was, und wenn wir dann einen neuen Vertrag kriegen, geben wir wieder Vollgas!”

Weiß ich nicht, kann aber schon so sein. Wer weiß das schon?

MS: Bevor ich heute die E-Mail von Metal Blade bekam, bin ich eigentlich davon ausgegangen, daß ich  das Interview mit Andy (Vocals) mache, einfach weil er jedes SYMPHORCE-Interview gemacht hat, das ich gelesen habe.

Cede: Bis jetzt schon, das stimmt. Die Rollenverteilung hat sich mit der Zeit bei SYMPHORCE ein bißchen verändert. Es ist schon Andys Band, aber das hat sich mit der Zeit, von Scheibe zu Scheibe, immer mehr zu einer “richtigen” Band entwickelt.

Früher hat Andy auch Mitstreiter in der Band gehabt, die vielleicht nicht so voller Elan hinter der Band standen. Das hat sich mittlerweile geändert: SYMPHORCE ist nicht Andy B. Franck, SYMPHORCE ist Andy B. Franck, Cede Dupont, Dennis Wohlbold (Baß), Markus Pohl (Guitar) und Sascha Sauer (Drums).

MS: Das sieht man auch an den Credits. Ihr habt diesmal am meisten selbstgemacht.

Cede: Auf jeden Fall. Bei “Twice Second” war es jetzt so, daß Dennis oder ich alle Songs geschrieben haben. Andy ist dann mit seinen Gesangslinien und Texten gekommen. Dann habe ich noch 2 Songs mit Markus geschrieben. Sascha gibt sowieso sehr viel Input zu den Songs mit seinem Schlagzeugspiel, das ist ja ganz klar.

Aber es ist schon so: Mittlerweile hat jeder in der Band seinen Job. Ich meine, Andy hat so viele Interviews gegeben zu der letzten Scheibe, da ist es ganz gut, wenn mal ein anderer dummes Zeug in der Gegend rumlabert, haha!

MS: Was hat das Cover zu bedeuten? Und was hat es mit dem Titel “Twice Second” zu tun?

Cede: Das hat alles keine spezielle Message oder  so. “Twice Second” ist eigentlich nur ein weiteres Wortspiel, mit  dem Andy angekommen ist. Da es unsere vierte Scheibe ist, halt “twice” 2, “second” wieder 2, macht also 4 für das vierte Album. Es ist ein ganz banales Wortspiel ohne spezielle Aussage. 

Beim Cover ist das einzig Wichtige, daß wir unbedingt mit Travis Smith arbeiten wollten, der auch schon für ICED EARTH, NEVERMORE, SOILWORK gearbeitet hat. Und das Wichtigste für uns war, daß wir was Blaues haben.

MS: Stimmt, ihr habt jedesmal eine andere dominante Farbe.

Cede: Genau. “Truth To Promises” (1999) war ja grün, “Sinctuary” (2000) rot, “Phorceful Ahead” (2002) gelb. Und jetzt wollten wir was Blaues haben. Travis ist dann mit ein paar Ideen angekommen, und das mit den Seepferdchen war einfach das Cover, das am geilsten aussah.

Wir fanden, daß das auch mal ein bißchen was anderes ist. SYMPHORCE war noch nie eine Band, die großartig Drachen oder sowas auf dem Cover haben will. Wir waren noch nie eine Klischeeband, sag´ ich mal. Ich meine, klar, mit den Seepferdchen ist es kein typisches Heavy Metal-Albumcover.

MS: Doch, durch das Blau schon, hähähä!

Cede: Ja gut, wenn´s jetzt Pink wär´, hätten wir´s vielleicht noch mal überprüft… Es ist halt ein bißchen was anderes, und das ist eigentlich auch wieder typisch für SYMPHORCE, weil wir nie nach links oder rechts schauen, sondern einfach unser Ding machen. Wir gehen stur geradeaus!

MS: Du bist seit dem zweiten Album dabei. Hast du das erste schon gekannt, als du mit der Band in Kontakt gekommen bist?

Cede: Ich hab´s kennengelernt, als ich von Andy die E-Mail gekriegt habe, daß sie noch einen Gitarristen suchen. Da habe ich mir die Platte gekauft.

Ich komme ja aus Basel, die anderen sind in Stuttgart, das sind 250 Kilometer. Aber mit ein paar guten Metal-Scheiben und einem anständigen Auto ist das schon machbar, hähä!

Wie gesagt, ich habe mir die “Truth To Promises” damals angehört, und die hat mir sehr gut gefallen. Ich meine, unsere musikalische Ausrichtung hat sich schon ein bißchen geändert, wenn man “Twice Second” mit “Truth To Promises” vergleicht. Im Grunde  genommen hat es schon mit “Phorceful Ahead” angefangen, daß das eigentlich schon die Art Metal war, die  wir alle  spielen wollten. Jeder ist damit mittlerweile sehr, sehr glücklich. Wobei das ja immer ein schleichender Vorgang ist.

Es war ja nicht so, daß wir “Sinctuary” aufgenommen und dann gleich gesagt haben: “Ach Scheiße, eigentlich wollten wir was anderes machen!” Also, so war es ja nicht. Das kommt natürlich immer schleichend. Gerade auch nachdem Sascha und Markus in die Band gekommen sind, nach “Sinctuary”, haben wir natürlich auch festgestellt: “So, jetzt haben wir wirklich ein geiles Line-Up beisammen. Es funktioniert ganz gut, so wie wir arbeiten.”

Mittlerweile sind wir 5 große Kumpels, die in einer Band spielen und die Mucke machen, die allen Spaß macht.

MS: Wie kam es dazu, daß ihr statt eines festen Keyboarders nun einen zweiten Gitarristen habt? War das deine  Idee?

Cede: Ich war der erste, der damit ankam. Wir haben ja mit “Sinctuary” auch live gespielt, zwar nicht so oft, aber das war immer etwas, das mir auf der Bühne gefehlt hat. Wenn ich Soli gespielt habe, fehlte mir da immer ein bißchen was,  auch wenn ein Keyboard da ist. 

Da wir Markus eh schon kannten, weil er mit seiner damaligen Band den Proberaum neben uns hatte, kannten wir uns schon vom Sehen. Markus war dann der Erste, der uns in den Sinn gekommen ist. Dann haben wir es einfach mal probiert, und es hat von der ersten Sekunde an gleich viel mehr geknallt. Dann haben wir uns 7-Saiter-Gitarren gekauft, und deswegen klingt jetzt alles viel frischer, aggressiver und kickt einfach mehr!

MS: Wie würdest du eure Spielweisen beschreiben? Seid ihr sehr verschieden?

Cede: Verschieden, aber doch nicht. Das ist ganz komisch. Ich meine, er hat viel von mir abgeschaut, ich mir von ihm. Es ist immer ganz interessant, wie sich jeder was vom anderen rauspickt. Das ist schon geil.

Also, wir klingen irgendwie ähnlich, aber irgendwie doch nicht. Also, es ergänzt sich einfach sehr gut. Markus spielt ja überwiegend Rhythmusgitarre, und das ist vor allem live ganz witzig. Da kann man dann auch mal zweistimmige Sachen machen.

Wir ähneln uns auch deshalb, weil wir auf die gleichen Gitarristen stehen.

MS: Welche sind das?

Cede: Zack Wylde. Also, da ist der Markus dann wieder ganz komisch, wenn jemand Zack Wylde anzweifelt, hähä. Find´ ich auch sehr geil. Dann Paul Gilbert, Slash auf jeden Fall, James Hetfield… Warum ich angefangen habe, Gitarre zu spielen, das waren Slash und James Hetfield. Ich höre auch sehr viel Blues. Es ist einfach wichtig, daß man andere Einflüsse zuläßt.

Ich denke, das macht auch SYMPHORCE aus, weil wir keine Angst davor haben, auch mal eine Nu Metal-Band in unsere Songs einfließen zu lassen. Es gibt ja Riffs in unseren Songs, die durch die tiefer gestimmten Gitarren und die 7-Saiter-Gitarren moderner klingen. Da gibt  es natürlich schon Leute, die sagen: “Ein MAIDEN-Riff wäre mir lieber gewesen!”, aber wer sich 24 Stunden am Tag immer nur die gleichen Bands anhört, kommt ja auch nicht weiter im Leben.

Ich habe kein Problem mit LIMP BIZKIT und KORN. Das würde ich mir ab und zu für die Metal-Szene wünschen, daß die Leute anderen Sachen gegenüber offener wären.

MS: Gehörst du zu den Gitarristen, die ihre Soli Note für Note ausarbeiten oder ist das bei dir eher spontan?

Cede: Eigentlich nur spontan. Ich kann ja gar nicht Noten lesen, haha!

Also, es passiert eigentlich ganz spontan, wenn ich Songs schreibe. Da weiß ich schon: “Jetzt kommt eine Stelle, da könnte man ein Solo einbauen!” Aber ich achte eigentlich immer drauf, daß es songdienlich bleibt. Ich kann eh nicht so spielen wie John Petrucci. Da laß ich´s lieber gleich sein, hähähä!

MS: Einige eurer Songs enthalten gar kein Solo. Probiert ihr das erst mit Solo aus und merkt dann: “Mensch, ohne klingt es doch tatsächlich besser!” oder gibt es von vorneherein keines?

Cede: eigentlich gibt es von vorneherein kein Solo. Es wird natürlich immer noch ein bißchen was umarrangiert oder Parts verkürzt oder verlängert. Aber z.B. bei “Cause Of Laughter” war es so, daß das eigentlich nie wirklich einen Solopart hatte. Also, ich meine, der Mittelpart an sich, der steht mehr oder weniger alleine und funktioniert so auch. Ich meine, ich hab´ jetzt live noch ´n bißchen was drübergespielt, damit es ein bißchen abwechslungsreicher wird, aber auf der Scheibe ist es nicht drauf. Braucht es auch nicht unbedingt. Beim Song “In The Cold” würde ich mir jetzt im Nachhinein vielleicht wünschen, daß wir da noch einen Solopart eingebaut hätten, aber es funktioniert auch ohne. 

Denn das größte Problem ist eigentlich bei jedem Musiker, daß er immer der Welt zeigen will: “Ich bin der Beste!”, und das fängt natürlich beim Gitarristen an. Dann kommt der Bassist dazu und sagt: “Nee, seh´ ich gar nicht ein, warum ich immer nur einfaches Zeug spielen soll. Ich will auch zeigen, daß ich was kann!” Dann trommelt der Schlagzeuger noch alles zu mit irgendwelchen Breaks. So kommt man natürlich auch nicht weiter! Deswegen achte ich beim Songschreiben darauf, daß alles übersichtlich bleibt.

MS: Der Traum eines jeden Musikers ist ja, technisch so gut zu sein, daß man jede musikalische Idee sofort umsetzen kann. Ist das nur gut oder siehst du da auch Nachteile?

Cede: Also, gut ist es, wenn man es kann, aber nicht immer gebraucht. Dann ist ers gut. Ich glaube auch, daß die wirklich guten Musiker, die auc htechnisch sehr, sehr gut sind, daß die ganz genau wissen, wo der Song was verträgt.

Wenn man sich die wirklich guten Musiker anhört, die fiedeln – jetzt mal abgesehen von Yngwie Malmsteen vielleicht – eigentlich gar nicht so arg viel. Klar, bei DREAM THEATER z.B. weiß man schon, was man zu erwarten hat. Da gibt es logischerweise nicht so viele Überraschungsmomente. Aber ich habe mir die vor ein paar Wochen mal wieder live angesehen und mußte wieder mal feststellen, daß John Petrucci ein Gitarrist ist, der sehr songdienlich arbeitet. Ab und zu läßt er mal was vom Stapel, und dann weiß wieder jeder: “Okay, ich verkauf´ jetzt meine Gitarre!”, hahaha!

MS: Was denkst du, wenn du so jemanden spielen siehst? “Ich muß mehr üben!” oder “Ich mache sowieso ganz andere Musik!”?

Cede: Ja, genau. Ich flüchte mich in diese Ausrede: “Ich mache ja eh was ganz anderes!” oder “Der ist ja auch 10 Jahre älter als ich!”, hahaha!

Die Songs sind das Manko bei diesen technischen Viechern: Es klingt total geil, was die spielen, und jeder denkt sich: “Mein Gott, da kann ich´s ja gleich bleiben lassen!” Aber schlußendlich, für die Band und um die Leute zu überzeugen, zählen nur die Songs. Die Masse interessiert es einen Scheißdreck, ob der Gitarrist schneller ist als Eddie Van Halen oder ob der Schlagzeuger die Technik eines Mike Portnoy draufhat. Das interessiert unterm Strich niemanden, wenn die Songs geil sind.

Ich meine, METALLICA haben mit “St. Anger” auch Scheiße abgeliefert meiner Meinung nach, aber die Leute stehen da drauf. Und da gibt´s nichts Technisches. Es klingt ja nicht mal gut, aber die Leute kaufen es trotzdem. Ich auch!

MS: Wie würdest du jemandem, der noch nie einen Ton von euch gehört hat, die Entwicklung von SYMPHORCE von Album zu Album beschreiben?

Cede: Wir haben uns härtetechnisch bestimmt immer ein bißchen gesteigert. Nach “Sinctuary” war es klar, daß “Phorceful Ahead” aggressiv ist. Das waren 2 Jahre, die eigentlich frustrierend waren durch die Pause. Mit Noise wollten wir einfach nicht mehr, das ging auch nicht mehr. Dann kamen noch die Wechsel dazu. Niemand wußte so recht, wie es weitergeht, obwohl wir mit Sascha recht bald einen neuen Schlagzeuger gefunden haben. Trotzdem waren wir einfach angepißt und wollten mal richtig auf die Kacke hauen, haha! Von daher klingt “Phorceful Ahead” eh schon aggressiver. Dann kam noch dazu, daß wir nach “Phorceful Ahead” öfter live gespielt haben, was in der Vergangenheit nicht so der Fall war. Das war dann auch diese Energie, die man kriegt, wenn man die Songs live spielt. Das überträgt sich dann natürlich auch auf das Songwriting für die nächste Scheibe, in unserem Fall “Twice Second”.

MS: Ihr wart mit dem neuen Album ja bereits auf Tour mit GRAVE DIGGER. Wie ist das für euch gelaufen?

Cede: Sehr geil! Es war unglaublich, weil wir ja nicht genau wußten, ob wir mit unserem modernen Power Metal beim traditionell eingestellten GRAVE DIGGER-Publikum ankommen würden. Aber es ging eigentlich schon beim ersten Abend… na, sagen wir beim zweiten Abend, hähä, ging es schon sehr geil ab.

Das war für uns alle eine Riesenüberraschung. Das zeigt auch, wie wichtig es ist, als Band viel live zu spielen, um sich zu entwickeln. Gerade diese Energie, die wir von den Auftritten letztes Jahr gekriegt haben, spiegelt sich natürlich auf “Twice Second” wider. 

MS: Exklusive Titel wie die EP von EDGUY sind an sich eine feine Sache, aber doch irgendwie verschenkt, weil die Leute auf das vollständige Album gucken. Habt ihr “Under The Curse” als Bonus für “Twice Second” ausgesucht oder das dem Label überlassen?

Cede: Nee, das entscheiden wir schon selber. Für “Twice Second” war ursprünglich gar kein Bonustrack geplant. Dann hieß es: “Laßt uns was Exklusives machen!”, ein Digipack halt. Und um den Leuten für ihr Geld ein bißchen was Besonderes zu bieten, packen wir da noch einen Bonustrack drauf, wissen aber noch nicht welchen. Dann haben wir erst mal das Album aufgenommen und dann entschieden, welcher Song der Bonustrack sein soll. Das war echt schwierig!

Und nur weil das der Bonustrack ist, heißt das nicht, daß das ein schlechterer Song ist als die anderen, er fällt  halt nur textlich ein bißchen aus dem Rahmen. Das war dann letztlich auch der Grund, warum das der Bonustrack geworden ist. Dann haben wir uns überlegt: “Was können wir noch bieten?” Und weil wir sowieso ständig mit der Videokamera im Studio rumgerannt sind, haben wir gesagt: “Machen wir noch ein “Making Of”!”

MS: Wolltet ihr bei dem “Making Of” etwas Spezielles rüberbringen? Die meisten wissen ja überhaupt nicht, was im Studio abläuft und sehen nicht, was für harte Arbeit dahintersteckt, weil sich das Ergebnis ja meistens auch ganz easy anhört.

Cede: Also, es ist auf jeden Fall sehr harte Arbeit, aber das kommt jetzt vielleicht auf unserem Video nicht so zur Geltung, hähähä! Es ging eher darum, den Leuten was Lustiges zu bieten. Das ist ´ne witzige Sache. Wir sind nicht immer so ganz nüchtern, nachdem wir unsere Spuren eingespielt haben, hahaha. Es ging bloß darum, mal zu zeigen, daß wir auch Riesenspaß haben im Studio.  

Ich meine, es ist schon teilweise hart im Studio. Die meisten Leute vergessen das schon ein bißchen. Wobei die Metal-Fans doch eh wissen, um was es geht. Jemanden, der eine JUSTIN TIMBERLAKE-Single kauft, interessiert das ja auch gar nicht, wieviel Schweiß der im Studio vergossen hat. Das ist jetzt vielleicht im Metal-Bereich noch anders, daß die Leute sich wirklich dafür interessieren, wie ein Album entstanden ist.

Die meisten Leute denken da nicht so drüber nach, aber es ist schon sehr harte Arbeit im Studio. Man will es ja auch gut machen. Man will aber auch nicht allzuviel Zeit vergeuden. Zeit ist Geld!

MS: Stehen deswegen eure Sachen zu 100%, wenn ihr ins Studio geht? Oder laßt ihr euch auch was offen?

Cede: Na, sagen wir mal, zu 90% sind die Songs auf jeden Fall fertig. Dioeses Mal war es so, daß Andy für Songs teilweise nur Gesangsideen hatte, also Gesangslinienideen, und da noch dran rumgedoktert hat. Aber vom Musikalischen her, was die Songs betrifft, die stehen schon zum größten Teil. Ich meine, ob man da jetzt vielleicht noch einen Part rausschneidet oder sonst was verändert, das kann man auch noch im Studio entscheiden.

Ich probiere im Studio auch ganz viel aus, mit Effektgitarren oder mit Soli. Zu 80% steht das Zeug auf jeden Fall, aber wir spielen auch ein bißchen rum. Diese kleine Freiheit muß man auf jeden Fall noch haben, denn wenn von vorneherein alles festgelegt wäre, würde es auch nicht soviel Spaß machen.Das ist immer das Schöne im Studio, daß man an den Songs arbeitet und Sachen ausprobiert. Das macht es spaßig. Und dann kriegt man dann auch echt Lust drauf, gleich den nächsten Song aufzunehmen.

MS: Zu meinen Lieblingssongs gehört “Cry On My Shoulder”. Das ist mit seinem andersartigen Aufbau und dem langen Solo etwas völlig Neues für euch. Ist da was dran, was ich in meinem Review geschrieben habe, daß du da alles reingepackt hast, was du dir vorher verkniffen hast?

Cede: Teilweise schon, ja klar, haha! Wobei es ja immer noch übersichtlich bleiben muß. Aber es stimmt schon, “Cry On My Shoulder” fällt ein bißchen aus dem Rahmen. Sowas hatten wir auf jeden Fall noch nicht vorher.

Mir gefällt der Song auch total gut, weil er einfach eine geile Atmosphäre hat, ein bißchen melancholisch und so. Textlich hatte Andy diesen Song für seinen Sohn geschrieben, der in der Songwriting-Phase von “Twice Second” zur Welt kam. Deswegen auch das Babygeschrei vor meinem Solo. Das gibt eine ganz spezielle Atmosphäre. Von dem Solo habe ich 5 verschiedene Versionen gehabt. Da habe ich ziemlich drüber improvisiert, außer jetzt die Hauptmelodie. Die hatten wir schon vorher. Dennis hat ja den Song geschrieben. Den Rest habe ich einfach nur improvisiert. Es war auch der letzte Song, den wir aufgenommen haben. Da habe ich gesehen: “Gut, ich hab´ jetzt noch ´nen halben Tag. Jetzzt probieren wir einfach mal aus!” Ich habe dann einfach mal gespielt, auf “Record” gedrückt und schließlich 5 verschiedene Versionen gehabt. Und die Version ist es geworden. Das ist größtenteils improvisiert, und es ist ja auch ein wirklich emotionaler Song. Ist schon klasse, wie der klingt!

MS: Man muß auch sagen, daß eure Musik sehr langlebig ist. Das ist manchmal im positiven Sinne “gemein”. Ich habe bei vielen Songs zuerst das Gefühl, daß die einzige erkennbare Melodie der Gesang ist, daß Andy mit seinem Gesang einige Songs strukturieren muß. Wenn ich es  öfter höre, entdecke ich dann so kleine Melodien in der Musik.

Cede: Das muß auch so sein. Der Sänger oder der Gesang an sich sticht natürlich als erstes raus, jedenfalls wenn es um Melodien geht. Es ist natürlich schon wichtig, gute Melodien am Start zu haben. Wir haben jetzt im Gegensatz zur Vergangenheit auf die mächtigen Chöre z.B. verzichtet. Andy wollte auch mal was anderes machen, weil es ja mittlerweile schon sein 10. Album ist. Er hat sich dann halt mehr mit Stimmeffekten ausgetobt und wollte alles sehr straight halten. Und das funktioniert auch toll.

MS: Die druntergelegten Stimmen, die oftmals einzelne Zeilen aufgreifen, finde ich sehr stark. Man hört auch automatisch noch genauer hin, ob man will oder nicht.

Cede: Das schafft auch eine spezielle Atmosphäre. Ich finde das auch geil, wenn nach einem Knüppelpart eine nette Lady einem was über die Nachrichten erzählt oder so. Es klingt cool als Effekt.

Was die Melodien betrifft, entdeckt man auf “Twice Second” immer wieder was, glaube ich. Es kommt natürlich immer drauf an. Ich achte immer als erstes auf den Gitarristen, wenn ich mir eine Band anhöre. Bei mir muß beim ersten Durchgang das Gesamtbild stimmen. Ich bin extrem ungeduldig, und wenn mich eine Band nicht gleich vom Hocker reißt… Ich habe die Zeit nicht mehr, mir das mehrmals anzuhören. Das ist auch etwas, das sich mit den Jahren geändert hat.

MS: “Twice Second” wurde im Webzine SCREAM ja zum “Big Screamer” gekürt. Wie hoch schätzt du die Bedeutung eines guten oder schlechten Reviews für eine Band ein?

Cede: Also, ich sag´ mal, diese ganzen Soundchecks und und Kritiken sind ja ganz schön, und wenn es positiv ist, tut das schon gut, aber für die Verkäufe selber weiß ich nicht, ob die so ausschlaggebend sind.

Ich kann mich noch an eine Geschichte erinnern, wo “Demolition” oder “Jugulator” von PRIEST “Album des Monats” war, und ein paar Wochen später kommt aufgrund der ganzen Leserbriefe eine Entschuldigung und die Feststellung, daß das Album wohl doch nicht so gut war. Das ist einfach lächerlich! 

MS: Du bist ja auch noch bei FREEDOM CALL aktiv. Gibt es da große Unterschiede zu SYMPHORCE?

Cede: Wir werden ja oft in die Mangel genommen als “Billigabklatsch der Achtziger-Band aus Hamburg” oder sowas. Wir kopieren aber keine anderen Bands. Ich meine, natürlich gibt es Parallelen, aber neu erfinden wird man heutzutage sowieso nichts. Es ist natürlich schon so, daß es Bands gibt, die  schlicht und ergreifend überbewertet sind. Ohne jetzt jemandem ans Bein zu pissen, aber die letzte ICED EARTH… Also, für mich ist ICED EARTH momentan die überbewertetste Band überhaupt! Ich finde “The Glorious Burden” schrecklich!! Total langweilig!!! Ich finde ICED EARTH geil, da müssen wir uns schon richtig verstehen. “The Dark Saga” ist göttlich, und “Something Wicked This Way Comes” ist auch geil, aber ich finde die neue Scheibe echt langweilig! Die gibt mir nichts!! Da sind gute Stellen drauf, trotz allem, aber insgesamt ist es langweilig.

MS: Bekommst du durchdeine Arbeit bei FREEDOM CALL auch Anregungen für SYMPHORCE, z.B. neue Einsichten, wie man an einen Song herangehen kann? 

Cede: Was die Arbeitsweisen angeht auf jeden Fall. Da lerne ich ganz viel von FREEDOM CALL, auch busineßtechnisch. Ich höre von alten HELLOWEEN bis zu MACHINE HEAD alles. Ich kann mich natürlich bei FREEDOM CALL wunderbar ausleben, was das Melodische btrifft, und bei SYMPHORCE kann ich die aggressive Seite ausspielen. Das ist für mich wunderbar so!

MS: Kannst du das durch deine Erfahrungen beim jeweils anderen auch so ein bißchen ausbalancieren, daß bei SYMPHORCE nicht plötzlich die Melodien vernachlässigt werden und FREEDOM CALL heavy genug rüberkommen?

Cede: Bei FREEDOM CALL war ich bis jetzt  noch nicht ins Songwriting involviert. Ich bin zwar schon seit 3 Jahren dabei, habe aber für FREEDOM CALL noch keine Songs geschrieben für Alben, die bereits veröffentlicht wurden.

Das ändert sich jetzt aber mit der Neuen, für die ich schon ein paar Songs geschrieben habe. Das färbt natürlich schon ab, das ist ganz klar. Bei SYMPHORCE stehen sie jetzt nicht so auf dieses Melodic Metal-Zeug. Dennis geht an die Decke, wenn er HELLOWEEN hört! Die weisen mich dann schon zurecht, wenn ein Song zu melodisch klingt. Das ist eine gute Arbeitsweise. Ich sage dem Dennis auch: “Diesen progressiven Part braucht echt keine Sau! Schmeiß den mal raus und laß uns so weitermachen!” Dann sagt er: “Gut, mache ich so, aber dein Song da, der ist mir zu melodisch!” Das ist eine gute Arbeitsweise, wenn man sich gegenseitig in dieser Weise ergänzt.

Dieses Interview erschien im METAL OBSESSION #15