POWERWOLF – Ein guter Song passiert einfach! (WAY UP-Version)
Gitarrist Matthew Greywolf und Tastenmann Falk Maria Schlegel sind im Freudentaumel: “Bible Of The Beast”, ihr dritter Longplayer, wird den Ruf der “Kraftwölfe” nicht nur festigen, sondern deutlich ausbauen. Lest im Folgenden, was die beiden (deren Beiträge ich aus Platzgründen nicht extra gekennzeichnet habe) über ihr neues Werk und ihre Musik allgemein zu berichten hatten:
MS: Ihr hattet nach und nach drei Songs von “Bible Of The Beast” ins Netz gestellt. Bekamt ihr darauf genügend Reaktionen, daß man frühzeitig wußte: “Wir haben es richtig gemacht!”?
PW: Da gab es eine Schlüsselszene: Wir haben zwei Wochen vor Release eine Show gespielt. Wir kamen kurz vor unserem Intro hinter der Bühne zusammen, um, wie das unser Ritual ist, noch mal kurz zu heulen. Da haben wir gehört, daß die Fans in der ersten Reihe schon “Raise Your Fist, Evangelist” gesungen haben. Das war was, wo man denkt: “Okay, das scheint zu funktionieren!” Das war natürlich sehr schön. Das war eine sehr direkte Reaktion. Wir haben auch schon ein paar Songs vorab live gespielt.
Das gleiche Phänomen konnte man beobachten, als wir – auch kurz vor Release – mit HAMMERFALL in Belgien gespielt haben, wo sogar schon Leute diesen Song angestimmt haben. Da bekommt man schon ein Gefühl dafür, das könnte in die richtige Richtung gehen. Man weiß nicht genau, aber dadurch bekommt man auch eine gewisse Sicherheit.
MS: Auf “Lupus Dei” war ich vor allem von “Saturday Satan” begeistert. Wenn man so einen Gassenhauer geschrieben hat, hat man dann auch selber den Eindruck, das ragt gegenüber dem übrigen Material noch mal heraus?
PW: Ich würde sagen, in dem Moment, wo du ein Album schreibst, fehlt dir erst mal der Abstand, zu sagen, welcher Song ragt heraus. Das zeigt sich erst später, gerade in der Livesituation, wenn du merkst, bestimmte Songs funktionieren einfach supergut auf der Bühne oder die Reaktionen sind sehr überschwänglich. Über “Saturday Satan” läßt sich im nachhinein sagen, da ist uns einfach ein sehr stimmiger Song gelungen. Aber als wir den damals aufgenommen hatten, war das nur einer von 10 Songs. Was sich daraus entwickelt, zeigt sich immer erst später. Ich könnte jetzt im Moment bei “Bible Of The Beast” auch noch keinen Song rausgreifen. Das wächst einfach so, gerade auch auf der Bühne.
MS: Es heißt ja, solche vermeintlich “simplen” Songs seien besonders schwer zu schreiben. Trifft das auf “Saturday Satan” zu? Hat es z.B. lange gedauert, bis ihr ihn in der endgültigen Version fertig hattet? Oder muß so eine Nummer in 30 Minuten entstehen, sonst funktioniert es nicht?
PW: Genau, Letzteres. Das ist nämlich genau der Punkt: Wenn du tagelang an einem Song feilst, sollte man irgendwann merken, da läuft was falsch. Ein guter Song muß einfach passieren! Die Erfahrung zeigt: Die Songs, die nachher am besten sind sind die, die sind einfach plötzlich da. Wenn du tagelang dran feilen mußt, wie jetzt eine Strophe an einen Refrain dranpaßt, dann muß man einfach irgendwann sagen: “Paßt einfach nicht!” Du mußt was spielen, und dann muß von irgendwo kommen: “Jetzt spielen wir genau das dran!” – und alle wissen genau, was gemeint ist und funktioniert. Wir haben für “Bible Of The Beast” mindestens 20 Songs geschrieben, und viele aus genau solchen Gründen verworfen. Ein POWERWOLF-Song muß richtig gut laufen und funktionieren. Das ist natürlich auch was… Du kannst es nicht erzwingen! Das sind so Sachen, die passieren. Das sind sehr magische Momente, wenn in dem Moment eine Art blindes Verständnis da ist und ein Song einfach entsteht.
Es gibt aber natürlich auch beim Wolf Baustellen, die monatelang immer wieder aufgebaut werden. Aber zum Glück kriegen wir es immer hin, irgendwann zu sagen: “Okay, da soll nix draus werden!” Uns ist es sehr wichtig, auch nur die Songs auf ein Album zu bringen, wo wir sagen: “Die funktionieren richtig gut, und die haben es verdient, ein POWERWOLF-Song zu werden.”
MS: Wenn ein Song nicht funktioniert, werft ihr den dann komplett weg oder hat man doch mal das Gefühl: “Dieser Part ist für sich genommen gut. Der könnte vielleicht woanders reinpassen.”? Oder macht ihr so was gar nicht?
PW: Selten. Wir haben auch für “Lupus Dei” jede Menge Riffs übriggehabt und haben keins davon wieder benutzt. Komischerweise eigentlich, denn da waren schon viele Sachen dabei, die als Parts vielleicht gut funktionierten, aber nicht als Lied. Aber irgendwie benutzen wir die Sachen dann auch gar nicht mehr. Es ist eine Zeit vergangen, man hat sich weiterentwickelt, gewisse Eindrücke bekommen, so daß wir dann eigentlich immer neu anfangen für ein Album und nicht auf alte Sachen zurückgreifen.
Das betrifft auch einzelne Songs. Es ist eigentlich selten so, daß man aus drei Songs, die nicht funktionieren, einen anderen baut, weil der wird wahrscheinlich auch nicht funktionieren. Da muß schon eine Initialzündung da sein. Die kommt oft… Oft ist der Anfang für einen Song auch ein starker Refrain, der da ist, und dann fängt man an, da einen Song drumherumzubauen. Wir brauchen immer so eine Initialzündung, und dann merkt man eigentlich sehr schnell, ob die Idee das Zeug hat, daß da ein guter Song draus wird.
MS: Was mir ausnehmend gut gefällt, ist eure Art von Humor: mal subtil, mal mit dem Holzhammer (”We Take The Church By Storm”). Ihr seid aber noch nicht bekannt genug, um mit der Kirche Probleme zu kriegen.
PW: Stimmt, Probleme hatten wir mit unseren Texten bislang keine. Das liegt auch daran, daß wir ab und zu mit einem Augenzwinkern schreiben. Man kann es Humor nennen wie du. Wir legen immer Wert drauf, daß man da eine Grenze zieht, weil bei “Humor” stehst du immer gleich mit einem Bein auf der Klamaukschiene. Wir erzählen keine Witze, wir wollen nicht lustig sein. Unsere Texte handeln vorwiegend vor religiösem oder spirituellem Hintergrund. Der Hintergrund ist also schon ernst, aber wir benutzen so ein bißchen das Element des Humors, um ab und zu durchscheinen zu lassen: Wir sind keine Missionare, wir sind keine Prediger. Wir schreiben über Religion, beziehen aber keine Stellung. Wir beschreiben Dinge, und wir erlauben uns eben hier und da ein Augenzwinkern, um z.B. Leuten, die sich auf die Füße getreten fühlen könnten, zu zeigen, es gibt durchaus einen kritischen und manchmal auch humorvollen Abstand. Das ist für uns ganz wichtig, um genau diese Distanz auch klarzumachen.
Wir predigen nichts. Wir predigen weder den Katholizismus noch den Satanismus. Wir beobachten religiösen Wahnsinn. Schlüsse kann sich da jeder draus ziehen, der sich damit beschäftigen will. Das ist das eine. Wichtig ist für uns aber auch, daß wir bei allem religiösen Hintergrund einfach eine gottverdammte Heavy Metal-Band sind und kein Religionsbuch. Das heißt, unsere Texte müssen auch für sich immer so funktionieren, daß man sagen kann, okay, abschalten, mitgröhlen, und es macht Spaß. Deshalb verwenden wir ganz bewußt ein Klischeevokabular und eine gewisse Symbolik.
Dieses Interview erschien im WAY UP #35