Auf ein Wort!

Oh nein, jetzt treibt sich dieser Spacko auch noch im Netz rum!!! Tut dat Not?!? Aber hallo! Hier gibt es Interviews, Reviews und mehr. Allem gemeinsam: Der ganze Krempel ist komplett von mir! Ob das ein Vor- oder Nachteil ist, muß jeder für sich selbst entscheiden... Was wollt Ihr sonst noch hier sehen? Ideen habe ich reichlich, möchte aber zuerst wissen, was Euch interessiert. Teilt es mir mit, z.B. als Kommentar. Spezielle Fragen zu mir und meiner Arbeit, Lob und Kritik aller Art ("Wie besoffen muß man sein, um so einen Mist zu verzapfen?") - egal was. Bin gespannt, wie sich das hier entwickelt... Haut rein, Ihr Eierbären! Michael P.S. Das Copyright aller Texte auf dieser Seite liegt ausschließlich bei Michael Schübeler.

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NICKELBACK – Feed The Machine (EMPIRE-Originalversion)

(BMG/Warner) 11 Tracks, 43:04 min. VÖ: 16.6.17 Da ich zu Feigheit, Heimtücke und Hinterlist nicht fähig bin, tauge ich nicht zum Extremisten, egal welcher Art. Auch anonyme Haßtiraden im Netz sind eine Art von Extremismus. Damit vergeude ich meine Zeit nicht. Deshalb habe ich auch nicht mitgekriegt, daß NICKELBACK die meistgehaßte Band des Planeten sind. [...]

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DREAM THEATER – Ein Tag im Traumtheater

Donnerstag, 21. Juli 2016

Ich glaube, es hackt! Jede neue Band, die einen festen Tastenmann in ihren Reihen hat und nicht im 4/4-Schema komponiert, wird mit DREAM THEATER verglichen – und schneidet natürlich schlechter ab. Sehr einfallsreich, wirklich. Mal ganz davon abgesehen, daß das spielerische Niveau in der Musik logischerweise ständig wächst, gibt es auch heute schon etliche Gruppen, deren Können dem der Berkeley-Absolventen nicht nachsteht. Jedoch spielen viele das im wahrsten Sinne des Wortes nicht aus. Das heißt aber nicht, daß sie es nicht könnten. Ausgedehnte Instrumentalpassagen passen in den wenigsten Fällen zum Stil oder der Aussage einer Combo. Was bei DREAM THEATER selbstverständlich klingt, würde beim Gros ihrer Kollegen völlig deplaziert wirken, sogar die Songs zerstören. Warum wird technisch angeblich minderbemittelten Bands ein Strick daraus gedreht, daß sie die Stücke in den Vordergrund stellen?! Technikdemonstrationen um jeden Preis hatten wir seit Mike Varney, der Welt größtem Frickelfetischisten, wahrlich genug!

Ob DREAM THEATER-Sirene James LaBrie meinen Zorn teilt, erfahrt Ihr im folgenden Interview, das im „Schweizer Hof“ in Hannover stattfand. James wußte tatsächlich noch, wer ich war (Tja, wer ihn kennt, der vergißt ihn nicht, hähä…) und verriet nebenbei, daß das Foto im TROUBADICKS #4 das allererste für „Images And Words“ war und im Studio gemacht wurde.

 

 

MS: Auf dieser „Awake The World“-Tour werdet ihr von langjährigen Freunden begleitet: FATES WARNING!

 

James LaBrie: Ja, und zwar nicht nur hier in Europa, sondern auch in den Staaten Ende letzten Jahres. Einige von uns haben auf einigen ihrer Alben mitgespielt. So übernahm Kevin Moore auf „Perfect Symmetry“ (1989) die Keyboards, und ich habe auf „Parallels“ (1991) bei „Life In Still Water“ die Backing Vocals eingesungen.

 

MS: Bei DREAM THEATER beginnt de rKunstgenuß bereits beim Cover, welches auch bei „Awake“ wieder ein Augenschmaus geworden ist. Doch sollte es ursprünglich ganz in Schwarz/Weiß gehalten sein, soweit ich weiß.

 

JLB: Davon ist mir nicht bekannt. Woher hast du denn das?

 

MS: Aus einem Interview von Mike (Portnoy, Drums und Faxen) im EMPIRE-Magazin.

 

JLB: So ganz stimmt das nicht. Es ist richtig, daß wir auf jeden Fall weniger Farbe als bei „Images And Words“ verwenden wollten. Der Spiegel sollte farbig sein, because this is going into life. Die Person im Spiegel kommt von einem Zustand der Verblendung und Verwirrung zu einem Punkt der Klarheit. Sie gewinnt Erkenntnisse über das Leben, und wie man es meistern kann. Der Spiegel stellt den Übergang von einer Traumwelt in die Realität dar.

 

MS: Ihr habt einige der neuen Songtitel in der Illustration verarbeitet: „6:00“, „The Mirror“; auch das MAJESTY-Symbol taucht wieder auf. Aber wen stellt die Statue dar, die aussieht wie Poseidon? „The Silent Man“?

 

JLB: Ja. Es ist ein alter Mann, der auf sein Leben zurückblickt und über das, was er da sieht, sehr frustriert ist. Im Laufe der Jahre ist es ihm fast unmöglich geworden, mit anderen zu kommunizieren, sich selbst auszudrücken. So he´s almost become like a stone figure. Es ist kein Leben mehr in ihm, kein Bewußtsein. Er wäre gerne die Person im Spiegel und wünscht sich, er hätte ihre Vitalität. Das Gesicht im Spiegel steht jedoch nicht für eine spezielle Person.

 

MS: Musikalisch ist „Awake“ in gewisser Weise das bislang zugänglichste DREAM THEATER-Album. Dafür sind die Texte umso schwieriger. Ich verstehe zwar die Worte, doch ihr Sinn und Zusammenhang bleibt so oft wie noch nie verborgen.

Deshalb muß James Fragen zu den Lyrics über sich ergehen lassen, obwohl er selbst nur bei „Caught In A Web“ zur Feder gegriffen hat.

 

JLB: Es ist offensichtlich, daß du im Laufe deines Lebens immer weiser und gebildeter wirst. Du sammelst Erfahrungen, und das führt zu einem stärkeren Ausdruck.

Die Texte auf „Awake“ sind Reflektionen von Situationen, in denen wir uns seit der Veröffentlichung von „Images And Words“ befunden haben. In den letzten drei Jahren (die James im Info zu „Awake“ als „emotionale Achterbahnfahrt“ bezeichnet) sind wir so sehr gewachsen, als Individuen wie als Band. Dadurch sind die neuen Texte weitaus tiefgründiger als bisher.

Das Wichtigste aber ist: Genau wie die Musik müssen sich die Lyrics weiterentwickeln. Das Beste, was eine Band, egal welcher Stilrichtung, tun kann, ist, sich zu entwickeln und zu wachsen. Sie muß nach vorne schauen und ständig nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten suchen.

 

MS: Einer der Songs, die ich nach wie vor nicht verstehe und über die ich auch noch nichts gelesen habe, ist „Innocence Faded“.

 

JLB: Ich werde dir nicht bis ins Detail verraten, was es damit auf sich hat, denn ich möchte deiner Phantasie noch ein bißchen Arbeit übriglassen. Es geht darum, daß kleine Kinder, bevor sie erzogen werden, völlig unverdorben und frei von Vorurteilen sind.

Wenn wir uns als Kinder treffen würden, würden wir zusammen rumhängen und eine großartige Zeit miteinander verbringen. Wir würden uns so akzeptieren, wie wir sind. Aber wenn wir älter würden, würdest du mich vielleicht mit anderen Augen sehen. Auf einmal stößt du dich daran, wer und wie ich bin, woher ich komme oder daß ich lange Haare habe – die Unschuld ist verschwunden. Freundschaften beruhen nicht mehr darauf, daß man offen füreinander ist, sondern darauf, wer man ist, was man macht, wie es mit der Karriere aussieht und was man früher getan hat. Man glaubt nichts mehr unbesehen, und das ist das Ende der Unschuld.

 

MS: Liegt das an der Erziehung oder passiert es automatisch?

 

JLB: Das ist eine Krankheit der Gesellschaft an sich. Unglücklicherweise werden die Menschen von ihrer Umgebung beeinflußt. Das Gemeine ist, daß sich dies durch alle Sprachen, Kulturen und Gesellschaftsstrukturen zieht. Und alle, alle entsprechen dieser Moral.

 

MS: Ein Grund, warum ich solche Schwierigkeiten mit den Texten habe, ist, daß sie sehr bildhaft und plastisch sind. Das trifft erstaunlicherweise auf alle Texte des Albums zu, egal wer der Verfasser ist. Als habe der Betreffende seine Träume niedergeschrieben.

 

JLB: Ich denke, die Lyrics sind weit mehr als das. Sie sind von Literatur inspiriert, von Menschen, von Gesprächen, die man hat und die man mitbekommt, und wo man sagt: „Man, that´s a really cool topic!“ Ich schreibe dann sofort ein paar Worte dazu auf und entwickle sie später weiter. Oder der umgekehrte Fall: Jemand anders aus der Band greift etwas auf, was ich gesagt habe.

Wie ich vorhin schon sagte: Man erlebt jeden Tag etwas Neues, und das muß nicht nur verarbeitet, sondern auch in irgendeiner Form zum Ausdruck gebracht werden. Bei Musikern geschieht dies eben durch das Schreiben von Lyrics.

 

MS: Ich finde es großartig, daß ihr diese Möglichkeit habt. So viele leben von einem Tag zum nächsten, ohne auch nur die leiseste Ahnung zu haben, was für einen Schatz sie in den Händen hielten, wenn sie ihre Erlebnisse und Erfahrungen einmal bündeln würden.

 

JLB: Was uns angeht, denken gewiß viele Leute: „Ah, it´s from the dreams – DREAM THEATER!“ (Die Verbindung zum Bandnamen habe ich so noch gar nicht gesehen! – MS) Das trifft aber nicht zu. Unsere Texte beruhen auf Erfahrungen in der Realität, nicht auf Träumen. Die Wirklichkeit ist viel aufregender.

 

MS: Trotzdem möchte ich noch ein wenig bei dem Thema verweilen, denn im Song „Voices“ bin ich über das Wort „Dream control“ gestolpert. QUEENSRYCHE haben darüber bekanntlich einen ganzen Song geschrieben („Silent Lucidity“).

 

JLB: Nun, in dem Song geht es sicherlich nicht vorrangig um Traumkontrolle. John (Petrucci, Guitar) schreibt über einen verblendeten Typen, dessen psychisches Gleichgewicht gestört ist. Für diese Person ist es zwingend notwendig, die fehlende Balance zu finden. Bei seiner Suche bekommt er jedoch keinerlei Hilfe, was dazu führt, daß er weiterhin in einer Phantasiewelt lebt. Tief in seinem Inneren weiß der Mann das auch, versucht aber dennoch, alles zu einem für ihn akzeptablen Ende zu bringen. Er sucht nach einer realen Welt, aber er sucht in der falschen Ecke. Er ist in einer Scheinwelt in seinem Kopf gefangen.

 

MS: „Is there God in politicians?“

 

JLB: Dazu kann ich dir wirklich nichts sagen, das ist dann doch zu detailliert. Im Wesentlichen weiß ich natürlich, welche Gedanken hinter diesen Texten stecken, aber ich kann mich nicht hinsetzen und sagen, was er gedacht hat. Das wäre nicht fair.

 

MS: Deine Meinung zu der Aussage hätte mir vollkommen gereicht. Aber es ist mal wieder an der Zeit, mich darüber zu wundern, daß „Awake“ trotz der für meinen Kopf hochkomplizierten Texte wesentlich songorientierter als seine beiden Vorgänger ist.

 

JLB: Das ist ein großes Kompliment. The songs are becoming more songs. Das sollte das Ziel eines jeden Musikers sein: Songs zu kreieren, die sowohl musikalisch als auch textlich etwas zu bieten haben.

Als wir anfingen, „Awake“ zu schreiben, wollten wir den Fans zeigen, daß wir wieder einen Schritt nach vorne gemacht haben. To us, „Awake“ is our proudest moment of work.

 

MS: Berechtigterweise. Neben Tonnen von Bootlegs sind kürzlich zwei obskure CDs aus MAJESTY-Tagen aufgetaucht: „The Official 1986 Demo“ und „Instrumental – The 1987 Recordings“.

 

JLB: Das ist mir neu. Ich nehme an, du meinst das Demo mit Chris Collins als Sänger. Interessant. Über all diese CDs den Überblick zu behalten ist allerdings praktisch unmöglich. Gerade ist ein Teil aufgetaucht, auf dem Mikes High School-Band zu hören ist. Das Ganze nennt sich RISING POWER (und die Scheibe „Power For The People“ – MS). Das ist so lustig, Mike war damals 17.

Als Künstler paßt mir das natürlich nicht. Ich verhandle gerade mit einer Company, um die Sachen, die ich vor DREAM THEATER gemacht habe, regulär rauszubringen.

 

MS: Was mich an diesen Aktionen umhaut, ist die Tatsache, daß jemand all die Jahre die Tapes gehortet haben muß!

 

JLB: Ja, und jetzt läßt er sie auf Silber pressen und sackt die Kohle ein. Wenn sowas schon sein muß, dann laßt es den Künstler machen. An diesen unfairen Praktiken wurmt mich vor allem der Gedanke, daß irgendein windiger Typ daran verdient, dem die Band scheißegal ist. Von diesen miesen Gesellen gibt es soviele da draußen!

Was willst du dagegen machen? Es passiert sowieso. Mike liebt dieses Zeug und kauft auch alles. Für die Fans ist das cool, aber ich habe dabei gemischte Gefühle.

 

MS: Nachdem „Images And Words“ vom ehemaligen SANTANA-Drummer David Prater zwar hervorragend, aber eher im Monolog produziert wurde, sicherte sich das Traumtheater-Ensemble die Dienste des renommierten Produzentengespanns John Purdell und Duane Baron. Die Beiden überzeugten DREAM THEATER vor allem mit ihrer Arbeit auf Ozzy Osbournes „No More Tears“-Opus von ihren Qualitäten.

Die Formel „Zwei Prodzenten = Doppelter Streß“ revidiert James jedoch entschieden:

 

JLB: Es machen ja nicht Beide dasselbe, sondern sie teilen sic hihren Job. Sie haben immer schon zusammengearbeitet, der eine mehr als Engineer, der andere mehr als Produzent im herkömmlichen Sinn.

Außerdem haben wir sie nicht nur mit den Ohren ausgewählt. Ihre bisherige Arbeit hat uns beeindruckt, und selbstverständlich lag uns sehr daran, daß sie unsere Musik verstehen, woher wir kommen und in welche Richtung wir mit unserer Musik gehen wollen. Darüber durfte nicht die geringste Unklarheit bestehen. Sie mußten in der Lage sein, aus jedem von uns mehr herauszuholen als je zuvor, um einen neuen, mächtigeren DREAM THEATER-Sound zu schaffen.

Sie arbeiten schon so lange zusammen, daß sie wie ein Produzent denken und handeln. Die Kommunikation zwischen ihnen ist so gut, daß sie häufig zur selben Zeit dieselbe Idee haben. Alleine ihnen zuzuschauen war derart faszinierend, daß uns das schon zu besseren Leistungen angespornt hat. Gleichzeitig haben sie soviel Druck von uns genommen, daß die Aufnahmen eigentlich gar kein Arbeiten waren. Die beste Performance und die lockerste Zeit im Studio – beides auf einem Album!

 

MS: Ich finde es völlig daneben, daß jede neue Formation, die den Stempel „Progressiv“ aufgedrückt bekommt, mit euch verglichen wird. Wie denkst du darüber?

 

JLB: Bei DREAM THEATER wabern Keyboards nicht im Hintergrund herum und füllendie Lücken aus. Sie sind vielmehr ein wichtiger Teil der Band. Kevin hatte eine sehr innovative Art, Keyboard zu spielen. Wir haben ihn gebraucht und werden auch weiterhin nicht ohne Tasten auskommen (die bis auf Weiteres von Derek Sherinian übernommen werden. – MS). Sie verleihen den Songs eine neue Dimension.

Nimm Jon Lord von DEEP PURPLE. Er hat der Rockmusik neue Wege gezeigt, weil er heavier war. Er hat nicht rumgeklimpert, nicht so gespielt wie man meinte, daß ein Keyboarder zu spielen hätte. Er hat die damals üblichen schwülstigen Orgelsounds genommen und sie zu etwas Powervollem gemacht, das absolut stark klang.

Ähnliches gilt für Kevin. He brought great sounds and became almost like a lead guitarist on the keys! Er hat ganz schön abgedrehte Sachen gemacht.

Wenn also für eine Band Tasteninstrumente ebenso wichtig sind wie für DREAM THEATER, sind Vergleiche durchaus legitim.

 

Ich setze dem Frontmann meinen Standpunkt etwas genauer auseinander (siehe Einleitung).

 

JLB: Ah, I see! Was DREAM THEATER betrifft, sollten einige Leute eines so langsam begreifen: Wenn du als Band erst zwei oder drei Jahre existierst, kannst du unmöglich Musik von der Art schreiben, wie wir das mittlerweile tun; ja, nicht einmal ernsthaft daran denken, Derartiges zu komponieren oder dich an diesem anspruchsvollen Stil zu versuchen.

Wir haben zehn Jahre gebraucht, um den musikalischen und kompositorischen Stil, für den wir jetzt bekannt sind, in dieser Form zu entwickeln. Und wir lernen weiterhin, uns auf unseren Instrumenten noch besser auszudrücken und den langen Instrumentalparts in unseren Stücken noch mehr Sinn zu geben. Bei uns stehen sie mit dem Rest der Songs in Zusammenhang, sind nicht purer Selbstzweck. Aber es hat lange Zeit gedauert, diesen Punkt der Integrität zu erreichen.

Ich will sie nicht runtermachen, aber viele junge Bands setzen sich zum Ziel, „eine Progressive-Band wie DREAM THEATER“ zu werden und Songs zu schreiben wie wir. Sie müssen sich jedoch darüber im Klaren sein, daß dies nicht von Heute auf Morgen möglich ist. Sie müssen bereit sein, Jahre zu investieren, um zu lernen, wie man in dieser Richtung komponiert und was man beachten muß, damit es sich absolut korrekt, aber auch reizvoll anhört. Das kann man unmöglich erzwingen. Einfach nur kompliziert klingen reicht bei Weitem nicht aus. Alle Komponenten deines Sounds müssen perfekt zusammenpassen.

„Awake“ ist songorientierter, wie du sagst – das ist kein Zufall! Es ist keine Kunst, viele verschiedene Elemente nur um ihrer selbst Willen zusammenzuschmeißen, obwohl das deine Lieder im Grunde gar nicht brauchen. Wir wägen stets genau ab, was wir in ein Stück hineinpacken, und wenn es uns passender erscheint, entwerfen wir Straight Forward-Nummern, die für unsere Verhältnisse simpel sind.

Das ist die andere Seite von DREAM THEATER. Diese Ausgewogenheit ist von elementarer Bedeutung. Das muß man begreifen, bevor man sich an diese Art von Musik heranwagen kann.

 

MS: Würdest du euren Erfolg als gutes Zeichen für die Musikszene allgemein deuten?

 

JLB: Ich glaube schon, daß wir anderen risiko- und experimentierfreudigen Musikern ein paar Türen geöffnet haben. Es wäre schön, wenn Künstler, die sich nicht in der altgewohnten Art und Weise ausdrücken, sondern individuell, sogar einzigartig, mehr Beachtung finden würden. Ich habe den Eindruck, daß genau das gerade passiert. Wenn wir zu einer Öffnung in dieser Richtung beigetragen haben sollten, freut mich das.

Für uns haben schließlich auch Bands wichtige Vorarbeit geleistet, METALLICA, QUEENSRYCHE, IRON MAIDEN, JUDAS PRIEST, auch RUSH, YES oder PINK FLOYD. Diese Gruppen haben dafür gesorgt, daß Musik, wie wir sie spielen, stärker akzeptiert wird.

 

MS: Aber ist euer Erfolg in gewisser Weise nicht unlogisch, wenn man beobachtet, daß die Trends immer schneller und schneller wechseln?

 

JLB: Ich weiß nicht wie der Rest der Band darüber denkt, aber meine Meinung ist, daß die Leute bei uns eine sehr ehrliche Herangehensweise an unsere Musik bemerken. Natürlich verfolgen wir, was in der Szene vor sich geht, verlieren dabei aber nie unsere eigene Vision aus den Augen. Wir unterwerfen uns nicht dem Zeitgeist, sondern nutzen ihn vielmehr für uns.

Was dir auf den ersten Blick unlogisch erscheint, ist eigentlich ein Grund dafür, daß wir erfolgreich sind. Die Leute sagen: „Das ist cool! Das ist echt!“ Daß wir Bestand haben! Wir wollen das, was die Fans an uns mögen, von Platte zu Platte weiter ausbauen und verfeinern. Für dieses Bestreben werden wir akzeptiert, werden größer und bekommen mehr und mehr Fans.

 

MS: Kevin hat in einem Interview gesagt, daß der Erfolg von „Images And Words“ in Amerika nur auf „Pull Me Under“ und dem Video dazu aufgebaut war. Wie verhält es sich bei „Awake“? Sehen eure Landsleute jetzt mehr das ganze Album?

 

JLB: Ich denke schon. In einer Hinsicht hatte Kevin Recht: „Pull Me Under“ war in der Tat ein großer Hit, aber das war nicht der einzige Grund für den Erfolg von „Images And Words“. Wenn das so wäre, müßten wir mit „Awake“ kräftig abkacken, da wir kein zweites „Pull Me Under“ geschrieben haben. Doch das Album verkauft sich gut, und das zeigt mir, daß den Leuten „Images And Words“ insgesamt gefallen hat, nicht nur „Pull Me Under“. Es mag sein, daß der Hörer bei „Awake“ mehr Zeit braucht, um Zugang zu den Songs zu finden. Mir kann jedoch keiner erzählen, daß er „Images And Words“ gleich beim ersten Hören komplett verstanden hat. Dafür legen wir viel zuviel Wert darauf, daß unsere Musik mit jedem Durchlauf wächst. Es ist wie bei einem guten Roman, wo du mit jeder Seite mehr in die Handlung eintauchst. Dies geschieht bei uns eben Song für Song, ist aber genauso spannend wie ein Buch.

Diesmal werden wohl auch mehr Menschen begreifen, worum es bei DREAM THEATER überhaupt geht. Denen, die „Images And Words“ nur wegen „Pull Me Under“ gekauft haben, ist das sicher nicht gelungen. Wir haben mehr zu bieten als Rock´n´Roll und Heavy Metal. Doch das rafft man nur, wenn man sich das ganze Album anhört.

 

MS: In eurer Thanxlist ist mir das „Korean Ministry of Culture and Sports“ aufgefallen.

 

JLB: Im Januar ´94 sind wir für 12 Tage nach Korea geflogen und haben eine Promotour gemacht. Wir sind dort sehr groß, die Leute waren wahnsinnig nett zu uns. Wir haben alles gemacht: Radio, Fernsehen, Pressekonferenzen, jede Art von Promoaktivität, die man sich vorstellen kann. John (Myung, Baß) ist Koreaner und für seine Landsleute ein Held. Sie bewundern ihn, und davon profitiert die ganze Band. Er ist Mitglied einer Gruppe, die starke Musik macht. Darauf sind sie stolz. John wird in Korea verehrt wie anderswo Elvis. Die Menschen brachten uns allen sehr viel Respekt entgegen. Sie lieben diese Art von Musik, genauso wie die Japaner. Die Deutschen stehen ebenfalls sehr auf dieses Zeug. Sie verstehen es auch viel besser als z.B. Amerikaner, die immer noch mehr diese Berieselungsmentalität haben. Mit uns muß man sich intensiv auseinandersetzen, wir sind nicht AC/DC. Unsere Musik kann man nicht nebenbei laufen lassen. Dann begreift man nie, worum es sich bei uns dreht.

 

MS: Bist du manchmal nicht selbst überrascht, wenn du zu einer Probe kommst und hörst, was deine Kollegen mal wieder kreiert haben?

 

JLB: Wenn einer den anderen eine Idee vorspielt, ist der Rest immer wieder von den Socken. Das kreative Potential in dieser Band ist unglaublich! Du kannst dir nicht vorstellen, was das für ein Wahnsinnsgefühl ist, wenn aus den an sich schon tollen Einzelfragmenten allmählich ganze Songs werden. Wir fordern uns selbst immer wieder heraus, und hoffentlich spiegelt sich das in den Songs wieder.

 

MS: Lieblingsfilm?

 

JLB: Oh, da gibt es mehrere. „Dead Zone“ mit Christopher Walken (Eine der ganz wenigen Stephen King-Verfilmungen, die neben dem Buch bestehen können. – MS) oder „Scarface“ mit Al Pacino.

Vor ungefähr zwei Wochen habe ich „Natural Born Killers“ gesehen – Mann!!! Das Ding bläst dir das Hirn weg!

 

MS: Viele Leute werfen Oliver Stone vor, er hätte die Gewaltszenen nur um ihrer selbst willen gedreht.

 

JLB: Du meinst als Schockeffekt? I don´t know. Ich respektiere ihn sehr wegen seiner Courage, seine Projekte nach seinem Gutdünken zu realisieren, ohne sich zu fragen, wie das Publikum es wohl aufnehmen wird.

Ich habe den Eindruck, daß er sich seinen Filmen sehr verbunden fühlt, daß für ihn gewisse Dinge so und nicht anders ausgedrückt werden müssen, damit sein Standpunkt unmißverständlich klar wird.

 

MS: Stone betont immer, daß selbst „Natural Born Killers“ eine Message transportiert, dies jedoch von der Öffentlichkeit beharrlich geleugnet werde.

 

JLB: Natürlich enthält der Film eine Botschaft; schließlich ist er ein Spiegelbild der Realität. Ebenso selbstverständlich ist die strikte Weigerung der Leute, dies zuzugeben. Heikle Themen ignoriert man am besten, dann lösen sie sich irgendwann von alleine. Sie sagen einfach: „Stone kann unmöglich Recht haben! So schlimm ist das nicht.“

In Wahrheit ist es noch viel schlimmer, aber so sind die Menschen. Es ist eine Tatsache, daß es keine Moral mehr gibt. Die Gesellschaft läuft völlig aus dem Ruder, und daran ändert sich nichts, wenn ich 100 Mal sage: „Nein, das stimmt nicht.“ Es sind die Leute mit einer „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“-Einstellung, die Schuld daran sind, daß dieser Planet vor die Hnude geht. Die Menschen haben keinen Respekt mehr voreinander, keine Achtung vor dem Leben. Jemand begeht einen Mord – und denkt sich nichts dabei! Wenn Eltern ihre Kinder vernünftig erziehen und sie weniger sich selbst überlassen würden…

Wir müssen dringend zu den alten Werten zurückfinden, auf denen eine intakte Gesellschaft beruht. Und wer soll diese vermitteln, wenn nicht die Familie?! Kinder brauchen Aufmerksamkeit, und wenn sie die nicht kriegen, bleiben sie mit ihren Problemen allein. Als Folge davon sind sie ständig irritiert. Diese Verunsicherung nimmt im Laufe der Jahre mehr und mehr zu – bis sie sich irgendwann gewaltsam entlädt. Dann sind alle fassungslos und können nicht begreifen, wie es dazu kommen konnte. Was erwarten die Leute, wenn ihnen ihre Kinder gleichgültig, ja sogar lästig sind, und sie sie das obendrein bei jeder Gelegenheit spüren lassen?!

 

MS: Die Industrienationen haben einfach zu lange materielle Werte über jene echten Ideale gestellt, die den Kindern früher vermittelt wurden.

 

JLB: Wie wahr, Glück und Weisheit erlangt man nicht durch den Kauf von Statussymbolen. Erfolg kommt von innen, nur von innen. Schau in dich hinein und entdecke deine spirituelle Kraft, die dich beschützt. Wenn du dir dieser Kraft bewußt wirst, kannst du jedes Ziel erreichen.

 

MS: Anders Wilkström von MENTAL HIPPIE BLOOD hat mir kürzlich fast wortwörtlich dasselbe erzählt.

 

JLB: Ich meine, es ist schön, viel Geld zu verdienen, aber das bringt dir doch kein Glück, höchstens Luxus. Was für viele Leute dasselbe zu sein scheint… But is that the answer to you finding yourself? Ist das der Grund deiner Existenz? Ich glaube kaum!

 

MS: Nein, aber Geld überdeckt diese Gründe.

 

JLB: Sure it does. Es bringt dich dazu, die Realität immer weiter von dir wegzuschieben. Die hat mit materiellem Reichtum eigentlich gar nichts zu tun.

Wie du vielleicht weißt, lese ich gerne und viel. Zur Zeit verschlinge ich förmlich Yoga-Bücher. Darin heißt es immer wieder: „Schau in dich hinein.“ Das ist der Fehler, den alle machen: Sie streben nach Erlösung, aber sie suchen außen danach. Dabei tragen sie den Schlüssel in sich. Wir erwarten voneinander ja auch keine Stärke, oder? Du suchst in dir selbst danach – und bist der stärkste Mensch der Welt!

Dieses Interview erschien im TROUBADICKS #6

 

 

 

NIGHT RANGER – Auferstanden!

Samstag, 25. Juli 2015

Daß NIGHT RANGER in Originalbesetzung wieder zusammen sind, konnte man bereits den News der letzten Ausgabe entnehmen. Mir wurde die frohe Kunde aus erster Hand zugetragen, im Laufe eines Phoners mit Edelgitarrist Brad Gillis.

Doch noch aus einem anderen Grund fiel es ihm nicht leicht, für das „unechte“ NIGHT RANGER-Comeback „Feeding Off The Mojo“ Promotion zu schieben: Die Scheibe wurde in den USA im Oktober 1995 veröffentlicht! Kein Wunder, daß sie für Gillis sowohl zeitlich als auch gedanklich längst hinter ihm liegt.

Die Einzig- und Andersartigkeit von „Feeding…“ rechtfertigen ein Interview jedoch allemal.

 

 

Brad: Die Reunion kam für uns selbst überraschend. Pat Glasser, der unsere ersten drei Alben produzierte, rief jedes frühere Bandmitglied an und meinte: „Was haltet ihr davon, die Band wieder zusammenzubringen?“ Ich weiß nicht, wie er plötzlich darauf kam, aber jeder war spontan von der Idee begeistert. Wir trafen uns dann im Haus von Jack Blades (Gesang und Baß, Ex-DAMN YANKEES), um ein Wochenende zu jammen – es war phantastisch! And here we are!

 

MS: Warum habt ihr euer viertes Album „Big Life“ (1987) nicht von Pat, sondern von Kevin Elson (JOURNEY, EUROPE) produzieren lassen?

 

Brad: Nach drei Arbeiten mit Pat wollten wir einfach mal sehen, was jemand anderes aus uns herausholen könnte. Leider verkaufte sich die Platte nicht besonders gut, weshalb wir für „Man In Motion“ (1988) Keith Olsen (SCORPIONS, WHITESNAKE) engagierten. Wir waren der Meinung, ein echt starkes Album am Start zu haben, aber die Plattenfirma pushte es nicht.

 

MS: Ich weiß, die Nichtskönner von MCA…

 

Brad: Die miserable Arbeit von MCA hat unseren Split mit Sicherheit beschleunigt. Wir wollten Erfolg haben, aber MCA gaben uns keine Chance dazu.

Bei „Man In Motion“ nahmen wir auf ihr Drängen eine Fremdkomposition aufs Album (das von Russ Ballard geschriebene „I Did It For Love“, natürlich eine Ballade. – MS). Letztlich taten sie aber genauso wenig wie immer.

 

MS: Bei „The Night Has A Way“ aus der Feder der Alannah Myles-Songwriter Chris War und David Tyson dürftet ihr euch weniger gesträubt haben. Wer hatte die Idee dazu?

 

Brad: Don Gierson, der Präsident unseres neuen US-Labels Drive Records. Er kriegt ständig Songs zugeschickt, und dieser gefiel ihm so gut, daß er ihn uns vorspielte. Wir mochten die Nummer auch, also nahmen wir sie.

 

MS: Und die anderthalb Coverversionen „Do You Feel Like I Do/Tomorrow Never Knows“ (Peter Frampton/BEATLES)?

 

Brad: Ein weiterer Vorschlag von Don. Zuerst hatten wir freilich keinen Schimmer, was zu uns passen könnte, bis Don mit diesem Peter Frampton-Titel ankam. Wir probierten die Nummer sofort aus, aber irgendwas paßte nicht. Es klang einfach nicht richtig! Bis wir eines Morgens aufwachten und spontan beschlossen, den Song schneller runterzuzocken, ihm einen tüchtigen Arschtritt zu verpassen.

 

MS: Ich war erstaunt, daß ihr auf „Feeding Off The Mojo“ mit so vielen Co-Autoren gearbeitet habt. Lief das immer gleich ab?

 

Brad: Nein. Einige Tracks sind zusammen mit den betreffenden Künstlern im Studio entstanden. Oder die Plattenfirma schlug Material vor, und wir probierten es aus.

Wir wollten die bestmögliche Platte mit den bestmöglichen Songs aufnehmen. Uns war nur das Ergebnis wichtig, nicht der Weg dorthin.

 

MS: Da hattet ihr sicher eine Menge Songs zur Auswahl!

 

Brad: Oh, nicht wirklich! Kelly (Keagy, Drums und Gesang; neben Brad zweites NR-Gründungsmitglied), Gary (Moon, neuer/alter Bassist und Sänger) und ich hatten etwa 30 Lieder komponiert. Daraus wählten wir 8 aus und ergänzten sie um die eben genannten 2. Wir haben also noch starkes Zeug auf Halde, aber durch die Reunion hat sich alles verändert.

Durch den verspäteten Release in Europa entsteht außerdem ein Interessenkonflikt. Ich würde lieber mit den anderen Jungs (zur Original-Band gehören außer Brad, Jack und Kelly noch der zweite Gitarrist Jeff Watson und Keyboarder Alan „Fitz“ Gerald) arbeiten und Spaß haben, anstatt „Feeding Off The Mojo“ zu promoten. Ist schon ein komisches Gefühl.

 

MS: Was bedeutet eigentlich der Ausdruck „feeding off the mojo“?

 

Brad: Der Song „Mojo“ stammt von Gary und handelt von Glücksbringern. Ein Mojo kann alles Mögliche sein: eine Halskette, ein Amulett, eine Hasenpfote.

Gary erklärte Kelly und mir den Song so, daß man sich auf das Positive, das in einem steckt, konzentrieren soll.

 

MS: Mit die größte Stärke der CD sind die mehrstimmigen Lead- und Harmony-Vocals. Kannst du mir erklären, wie ihr das aufgeteilt habt?

 

Brad: Weißt du, als wir das Album in Austin/Texas aufnahmen, brachten wir sämtliche Vocals in einem Rehearsal-Studio auf Band – auf dem Klo, hahaha!

Auf „Music Box“, einem meiner Favoriten, kommen die verschiedenen Stimmen besonders differenziert rüber. Gary schrieb den Track vor etwa 10 Jahren.

 

MS: Demnach dürfte die in der Einleitung erwähnte Andersartigkeit auf Gary intensive Mitwirkung an „Feeding Off The Mojo“ zurückzuführen sein, zumal sein kehliges, an Tom Keifer von den seligen CINDERELLA erinnerndes Organ der Scheibe diesen ganz speziellen Kick gibt.

Wie hat er reagiert, als die Band, mit der er offenhörig prima harmonierte, plötzlich auseinanderbrach?

 

Brad: Nun, er war selbstverständlich nicht gerade glücklich über die neue Situation, denn es bedeutete für ihn, daß er die Band verlassen mußte. Sein Input bei „Feeding…“ war immens, und nun bekommt er zumindest in Europa nicht die Anerkennung dafür, die er verdient hätte.

Er wird nun eine Anzahl Eigenkompositionen auf einem Soloalbum herausbringen.

 

MS: Ihr hattet diesmal den ehemaligen SANTANA-Drummer David Prater als Produzenten dabei. Nach den Differenzen, die DREAM THEATER und vor allem Schlagzeuger Mike Portnoy bei „Images And Words“ mit ihm hatten, wüßte ich gern, wie eure Zusammenarbeit mit David war.

 

Brad: Ich kam mit ihm auch nicht klar. Seine sture „This way or no way“-Einstellung ging mir gegen den Strich. „The Night Has A Way“ z.B. war ursprünglich viel heavier. David hat der Nummer im Studio ganz schön die Zähne gezogen, sie kommerzieller gemacht, um mehr Airplay zu bekommen.

 

MS: Kann ich daraus schließen, daß es nicht deine Entscheidung war, mit ihm zu arbeiten?

 

Brad: Nein, das war allerdings nicht meine Entscheidung.

 

MS: Wieso produziert ihr euch nicht selbst? Auf eurem „Abschiedswerk“ Live In Japan!“ (1990) habt ihr diesbezüglich gute Arbeit geleistet!

 

Brad: Wenn du 2 Leadgitarristen und 2 Leadsänger in der Band hast, bist du dringend auf ein paar neutrale Ohren angewiesen. Du kannst zwar alle möglichen Variationen und Kombinationen durchspielen. Das führt freilich nur dazu, daß du den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr siehst

und nur noch alles gut findest, auch wenn es der größte Mist ist.

Ein Produzent sieht als Außenstehender vieles klarer. Er kann dir Wege aufzeigen, auf die du selber nie gekommen wärest, dir eine völlig neue Sichtweise auf deine eigene Arbeit eröffnen. Man bekommt eine ganz andere Perspektive.

 

MS: Was mir auf „Feeding…“ ein wenig fehlt, sind Jeffs irrwitzige Kabinettstückchen.

 

Brad: Weißt du, als wir das Material für die Platte zusammenstellten, waren Grunge und Alternative gerade schwer im Kommen. Es gibt keine Gitarrensoli mehr in den Neunzigern! Die Alternative-Szene ist so groß in Amerika, daß niemand mehr Soli spielt! Es werden nur noch kurze, nichtssagende Liedchen geschrieben.

 

MS: Beeinflußt euch das in irgendeiner Weise?

 

Brad: Wir wollten unseren Stil nicht ändern und jetzt plötzlich Alternative schrubben, bloß weil das gerade angesagt ist. Wir wollten den Rock´n´Roll-Stil beibehalten, den NIGHT RANGER immer hatten.

Aber um wenigstens etwas Airplay zu kriegen, haben wir die Soli reduziert. Um im amerikanischen Radio überhaupt noch eine Chance zu haben, durften wir diesbezüglich kein so heftiges Brett fahren wie früher.

 

MS: Schade, ein Kracher de rMarke „(You Can Still) Rock In America“ hätte „Feeding…“ noch einmal aufgewertet.

Ich habe mich immer gefragt, wie du dir mit Jeff die Gitarrenarbeit teilst.

 

Brad: Nun, wenn ein Song fertig war, haben wir uns zusammengesetzt und darüber gesprochen. Dabei wurde schnell klar, welches Stück wem mehr lag. Manchmal kamen auch Kelly oder Jack dazu und sagten spontan: „Dies paßt besser zu Brad, das dagegen sollte Jeff spielen.“ Wir waren stets darum bemüht, alles gerecht aufzuteilen. Das galt nicht nur für die Gitarrenparts, sondern auch für den Gesang von Kelly und Jack.

Es war von Anfang an ein Markenzeichen der Band, daß jedes Mitglied einen fairen Anteil an allem bekam.

 

MS: 1982 hast du als Nachfolger des legendären Randy Rhoads (RIP) eine Tournee mit Ozzy Osbourne absolviert. Bis heute kann man in Ozzy-Histories lesen, daß du seine Musik gehaßt und dich förmlich durch die Tour gequält hättest.

Dagegen hast du selbst in einem Interview zu „Man In Motion“ gesagt, daß du gerne beim Madman geblieben wärst. Was stimmt?

 

Brad: Well, als ich anfing, mit den Jungs zu spielen, hatte ich mit Heavy Metal nicht viel am Hut. Mein Metier war kommerziellerer, melodischer Rock. Richtigem „heavy stuff“ konnte ich zu der Zeit nichts abgewinnen. Doch im Verlauf der neunmonatigen Tour lernte ich, diese Musik mehr zu mögen und zu akzeptieren.

Heute mag ich alle Arten von Musik, aber damals war das einfach nicht mein Stil! Als Gitarrist möchte ich aber alles spielen können.

1978 war ich in einer Combo namens RUBICON, die spielte Funk Rock, dann kam Ozzy, der Heavy Metal macht, und schließlich NIGHT RANGER, die eher ein Popband sind. Dadurch bin ich recht vielseitig geworden. Ich meine, Ozzys Mucke hat mir schon immer gefallen, aber mit dem alten BLACK SABBATH-Kram war ich nicht sonderlich vertraut.

Ich bin mit Jimi Hendrix, Jimmy Page und Jeff Beck aufgewachsen und dachte, beim Heavy Metal gäbe es für mich nichts zu lernen. Ich war eher progressiv orientiert; da gab mir SABBATH-Metal mit seinen 3 oder 4 Akkorden nichts. Durch Ozzy lernte ich, diese harte, straighte Musik mehr zu mögen, sie sogar zu genießen – and now I´m a big fan, hahaha!

Dieses Interview erschien im EMPIRE #32 (4/96)

 

 

 

 

Ray Wilson – Über GENESIS, Gesang und Musik an sich

Samstag, 31. Januar 2015

Gerade bei seinen Konzerten zeigt sich, daß Ray Wilson sowohl Arbeiter als auch Künstler ist. Momentan ist er mit Genesis Classic unterwegs, die einzige erschwingliche Möglichkeit, Songs der Superstars mit einem ihrer Originalsänger zu hören. Michael Schübeler nahm die Strapazen einer sechsminütigen Autofahrt auf sich, um dem in Polen lebenden Schotten vor dem ausverkauften 130-Minuten-Gig in der Stadthalle Brakel (in der Besetzung Ray Wilson (Gesang, Akustikgitarre), Steve Wilson (Leadgitarre, Backing Vocals), Marcin Kajper (Bass, Saxophon, Querflöte), Mariusz Koszel (Drums), Donavan Aston (Keyboards, toller Gesang bei „Don´t Give Up“!) und Steffi Hölk (Violine)) ein paar Fragen zu GENESIS, Gesang und Musik an sich (sic!) zu stellen.

 

 

 

MS: Als ich mir die Fotos im Booklet der DoCD/DVD „20 Years And More“ angeschaut habe, fiel mir spontan der Titel für diesen Artikel ein: „Arbeiter und Künstler“. Findest du dich darin wieder?

 

Ray Wilson: Ja, definitiv. Nur wenige Künstler wie ich kennen sich mit allen Aspekten des Business´ aus. Nach meiner Zeit mit GENESIS beschloß ich, wirklich die Kontrolle über meine Karriere zu übernehmen. Alles was ich herausbringe, alles was ich mache, das ganze Equipment, die Anlage, das Licht wird von dem finanziert was ich tue. Ich vermute, manchmal muß ich ein paar Kompromisse eingehen, habe aber andererseits die Freiheit, zu tun was ich will. Und das ist mir den Preis wert.

 

MS: Kreative Freiheit ist das Größte für jeden Künstler.

 

Ray: Das ist es. Und ich habe das. Natürlich sind in meinem Publikum Leute, die „That´s All“ oder „Land Of Confusion“ oder „Carpet Crawlers“ oder einen Peter Gabriel-Song hören wollen. Das sind großartige Lieder. Ich genieße es, tolle Stücke zu spielen. Ich versuche, eine Balance zu finden aus dem, was die Leute aus der großartigen Welt von GENESIS hören wollen und der Musik, die ich selbst komponiere. Dieses Gleichgewicht habe ich jederzeit im Blick.

 

MS: Was mich schon immer gewundert hat: Die spielst ja auch GENESIS-Songs, an denen du nicht mitgeschrieben hast. Gibt es da keine Probleme mit dem Urheberrecht?

 

Ray: Was Aufführungen betrifft nicht. Ich könnte mich hinstellen und eine Beatles-Show spielen, wenn ich wollte. GEMA, MCPS und ähnliche Gesellschaften sammeln schließlich Geld für diese Dinge. Und so sollte es auch sein. Jeder sollte jeden großartigen Song spielen dürfen. Es ist doch schön, andere Künstler deine Lieder spielen zu hören!

 

MS: Denkst du, du kannst einem Song etwas Neues hinzufügen, wenn du ihn akustisch spielst, im besten Fall sogar eine neue Dimension?

 

Ray: Nun, manche Songs funktionieren akustisch sehr gut, andere überhaupt nicht, sofern du kein Wahnsinnsgitarrist bist (was ich nicht bin). Ich bin ein leidlicher Gitarrist. Meine Stärke ist das Singen. Besonders die tiefen Lagen liegen mir. Meinen Stimmumfang kenne ich gar nicht, aber ich denke, daß meine Stimme ziemlich charakteristisch ist. Kraft und Wiedererkennungswert, darauf kommt es an. Das gilt besonders bei Akustik-Konzerten, wo du dich als Sänger nicht hinter der Technik verstecken kannst.

Ich glaube, bei bestimmten Songs kann etwas Neues passieren, wenn sie auf das Wesentliche reduziert werden, egal ob man sie solo auf der akustischen Gitarre oder auf dem Klavier oder auf was auch immer spielt. Wenn du letztes Jahr ein Peter Gabriel-Konzert gesehen hast: Er hat die Show nur mit dem Piano begonnen.

Ich bin auch ein großer Fan von Jackson Browne. Und er gefällt mir besser, wenn er einfach nur akustische Gitarre spielt, als mit der Band. Er konzentriert sich stärker auf den Text. Das Charisma von dem, was er sagt und die Grundmelodie kommen voll zur Geltung.

 

MS: Weißt du sofort, ob ein Song akustisch funktioniert oder mußt du es erst ausprobieren?

 

Ray: Na ja, eine gewisse Vorstellung hat man schon. Wenn du einen Song wie „Calling All Stations“ hörst, erkennst du gleich, daß er akustisch nicht besonders gut funktioniert. Ebenso offensichtlich ist z.B. bei „Not About Us“, dass es geht, weil das Stück bereits auf der akustischen Gitarre geschrieben wurde. Aber es gibt auch Überraschungen: „In The Air Tonight“ kommt akustisch richtig klasse rüber, was man nicht unbedingt vermuten würde, wenn man das Original hört.

Zu Beginn meiner Solokarriere habe ich eine Version von „Carpet Crawlers“ auf der Akustik-Gitarre gemacht. Das funktionierte sehr gut. Es hatte nicht mehr das Piano-Arpeggio, für das es berühmt ist, aber es ist melodisch so stark, daß es sich einfach gut anhörte.

 

MS: Aber die Krönung in deiner aktuellen Show ist das Saxophon!

 

Ray: Ja, das Saxophon hat dem, was ich mache, eine neue Dimension hinzugefügt. Ich bin ein großer Fan der E Street Band. Wenn ich meinen Lieblingskünstler nennen müßte, wäre das wahrscheinlich Bruce Springsteen. Er ist der beste Liveperformer von allen. Ich liebe Clarence Clemons. Er war ein wunderbarer Musiker mit einer ungeheuren Präsenz. Ich mag das Saxophon im Rock´n´Roll; einfach aufgrund der Energie, die es freisetzt.

Ich stehe auch sehr auf gute Lyrics. Ich mag es, wenn der Künstler eine Geschichte erzählt. Von Leonard Cohen gibt es einen Song („Anthem“), in dem es heißt: „Ring the bells that still can ring. Forget your perfect offering. There is a crack in everything. That´s how the light gets in.“ And I LOVE that! Es bedeutet, daß es die Unzulänglichkeiten sind, die Seele verleihen, es real werden lassen. Es sind die Risse, die harten Zeiten, die Rückschläge, die das Licht hereinlassen. Dadurch wird es dir überhaupt erst möglich, dich weiterzuentwickeln.

 

MS: In deinem ellenlangen Tourplan habe ich gesehen, daß du mit vier Line-Ups unterwegs bist.

 

Ray: Wahrscheinlich sind es sogar noch mehr! Das hängt ganz von den Orten ab, in denen ich auftrete. Wenn ich beispielsweise eine kleine Show in der Schweiz spiele, in Laufen, in einem winzigen Club mit 40 Leuten, dann gebe ich ein Solokonzert. Das ist eine ganz andere Erfahrung! Ich mag das sehr, und natürlich geben mir die größeren Shows, die Genesis Classic-Shows wie heute Abend die Freiheit, diese kleinen Sachen zu machen, bei denen ich mir keine Gedanken zu machen brauche, ob ich Geld verdiene oder verliere. Es ist einfach nicht wichtig! Und es ist schön, diese Freiheit zu haben. Die kommt – vermute ich – von den wenn du so willst kommerzielleren Arbeiten, die ich hin und wieder mache. Das sichert mir das Einkommen, um das zu tun, was ich künstlerisch tun will.

 

MS: Was, denkst du, ist der Aspekt, den du GENESIS hinzugefügt hast, als du in der Band warst?

 

Ray: Ein wenig jugendlichen Schwung, vermute ich! Ich denke, das trifft auch auf Nir Z (Zidkyahu) zu, den Drummer, der mit uns gearbeitet hat. Vor allem, wenn wir live gespielt haben, haben wir der Band ein wenig jugendliche Energie verliehen, die ihnen abging.

 

MS: Und als Komponist?

 

Ray: Ich denke nicht, daß ich besonders viel dazugepackt habe. Ich denke, mit mehr Zeit hätte ich es gekonnt.

 

MS: Ja! Ich fand, auf „Calling All Stations“ herrschte eine andere Dynamik.

 

Ray: Ja. Rückblickend würde ich sagen, es war zu 60 bis 70% ein gutes Album. Der Rest hätte besser sein können. Ein Song wie „Small Talk“, den ich mit ihnen geschrieben habe, war bestimmt keine Glanzleistung. Trotzdem haben sie ihn für das Album ausgewählt. Wenn du dir dagegen so was wie „Solsbury Hill“ anhörst: Das ist eine ähnliche Art von Song, aber um so vieles besser als „Small Talk“!

 

MS: Woran liegt das?

 

Ray: Wenn ich darauf zurückblicke, denke ich, wir hätten mehr Zeit zusammen gebraucht. Es sind schon einige gelungene Momente drauf. Der Song „Calling All Stations“ selbst ist hervorragend, finde ich. Er besitzt alle Qualitäten, die man von GENESIS erwartet. „Not About Us“ ist ebenfalls sehr gelungen. Es steht für sich selbst. Das ist eine andere Art von Song, aber einfach gut! „There Must Be Some Other Way“ ist auch gelungen. Oder „One Man´s Fool“, das Tony (Banks) verfaßt hat.

 

MS: Es sind viele „Grower“ auf dem Album!

 

Ray: Definitiv. Doch es sind auch Momente darauf, die besser sein könnten, die man vielleicht als Bonustracks hätte verwenden können. Wir hätten noch sechs Monate Ideen entwickeln sollen.

 

MS: Apropos Bonustracks: Hast du mal die remasterte Version gehört?

 

Ray: Tatsächlich: Nein! Ich bat sie, mir ein Exemplar zu schicken. Haben sie nie gemacht. Ich hatte seinerzeit danach Ausschau gehalten, fand aber keines. Ich habe die Überarbeitung also nie gehört. (lacht herzlich)

 

MS: Wie siehst du deine Entwicklung als Songwriter? Setzt du heute andere Schwerpunkte?

 

Ray: Wie gesagt: Mir gefällt ein Lied immer dann, wenn es etwas aussagt. Und natürlich ist es, wenn du dich hinsetzt, um ein Album mit 12 oder 15 Songs zu schreiben, echt schwierig, 12 oder 15 interessante Dinge zu finden, zu denen du dich äußern kannst.

 

MS: Zumal niemand mehr eine so lange Aufmerksamkeitsspanne besitzt!

 

Ray: Ja, die ist heutzutage sehr kurz. Deshalb bewegst du dich normalerweise in den sattsam bekannten Bahnen und schreibst über Liebe und Gefühle wie Wut, Haß oder die Suche nach dem Sinn des Lebens. Da komme ich wieder auf Bruce Springsteen zurück: Er singt immer und immer wieder über dieselben Themen – und ich werde es nie leid! Wenn jeder seiner Songs von Liebe handeln würde – mir wär´s egal! Ich liebe es einfach, mir anzuhören was der Kerl macht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es so gesund ist, das zu überanalysieren. Ich weiß nicht genau, wie stark es darauf ankommt, wovon das Lied handelt, solange der Song selbst Tiefe hat.

Natürlich wäre es schön, lyrisch so kompetent wie Bob Dylan oder Leonard Cohen zu sein. Doch in der Realität hast du als Künstler vielleicht ein oder zwei kurze Momente, in denen du etwas ganz Besonderes kreierst. Dabei bist du aber nicht einmal ansatzweise so beständig wie diese Koryphäen.

Wenn du ein Stück fertiggestellt hast, findest du es grundsätzlich erst einmal gut. Sonst würdest du es gewiß nicht beenden. Du würdest stattdessen zum nächsten übergehen und hoffen, daß dir das besser gelingt.

Es ist schon vorgekommen, daß ich einen Song geschrieben habe, den ich nicht sonderlich mochte, der aber ein Publikumsliebling wurde. Das ist z.B. bei „American Beauty“ passiert. Mir hat der Song nie wirklich gefallen, aber beim Publikum ist er unheimlich beliebt. Ich habe darüber geschrieben, wie sich amerikanische Soldaten im Irak und in Afghanistan fühlen müssen. Was ich versuchte zu sagen, besaß also durchaus eine gewisse Tiefe, aber ansonsten war der Song arg formelhaft und vorhersehbar. Das behagte mir nicht. Aber wie gesagt, der Song ist nun mal äußerst populär, also was ist richtig und was ist falsch? Auf der anderen Seite habe ich ein Stück wie „Another Day“, das musikalisch, textlich und von der Melodie her richtig klasse ist. Wahrscheinlich einer der besten zwei oder drei Songs, die ich je komponiert habe. Und den habe ich vor 20 Jahren geschrieben!

Dieses Interview erschien auf Musikansich.de