GLENMORE – Der zweite Anlauf
Donnerstag, 29. März 2012Normalerweise läuft es eher umgekehrt: Mit ihrem Debüt „Materialized“ wurden GLENMORE 1993 von der schreibenden Zunft in hohen bis höchsten Tönen gelobt. Die Fans verweigerten dem starken Erstling jedoch die Anerkennung, die Verkäufe blieben weit hinter dem Potential des Quintetts zurück. Seinen Frust über die verpaßte Chance ballert man vernünftigerweise ins zweite Album „For The Sake Of Truth“, das, von der beachtlichen musikalischen Weiterentwicklung mal ganz abgesehen, die einzige „Schwäche“ des Vorgängers, nämlich eine vereinzelt bemängelte Affinität zu QUEENSRYCHE, für alle Zeiten ausmerzt.
Sänger Jürgen Volk gab mit stolzgeschwellter Brust Auskunft.
MS: Im Gegensatz zu dem, was ihr mir bei unserem letzten Gespräch gesagt habt, fungierte diesesmal nicht erneut Frank Bornemann als Produzent, sondern Charlie Bauerfeind (SARGANT FURY, RAGE…). Weshalb der Wechsel?
Jürgen: Das ist eigentlich ´ne ganz einfache Sache, unsere musikalischen Geschmäcker gingen einfach etwas auseinander. Frank tendierte etwas mehr zum Filigranen, ELOY-Angehauchten (ELOY ist die Band, in der Frank spielt; die erfolgreichste deutsche Prog Rock-Band der Siebziger. – MS), während unsere Musikrichtung, das ganze Material, das wir für unsere zweite Platte schrieben, insgesamt härter war als „Materialized“, von Anfang an. Wir wollten einfach etwas erdiger spielen.
Und da Charlie Bauerfeind bereits 1991 unser erstes Demo produziert hat, genügte ein kurzer Gedanke, ein Anruf – schon war´s passiert!
MS: Ist davon auch euer Verlagsdeal mit Frank Bornemann betroffen?
Jürgen: Nein, den besitzen wir noch, das ist kein Problem. Der Deal schreibt uns nicht vor, daß wir mit Frank produzieren müssen. Wir können uns den Produzenten aussuchen und arbeiten, mit wem wir wollen.
MS: Was mich ein wenig irritiert hat – sofern du darüber reden möchtest – war der Ärger, den ihr mit CMM aus Hannover hattet. Ihr seid die erste Gruppe, von der ich höre, daß sie mit dieser Promotionfirma unzufrieden ist.
Jürgen: Menschlich hatten wir mit den Leuten auch gar keine Probleme, nur…
MS: Genau deswegen wundert mich das!
Jürgen: Es ist einfach so, daß der ganze Managementkomplex nicht zu uns gepaßt hat, schon räumlich nicht. Wir kommen aus dem Süden, und wenn du dann ein Management aus Hannover hast und mit dem kurzfristig Dinge zu besprechen hast, das geht einfach nicht. Man kann nicht alles am Telefon regeln.
MS: Stimmt, da habt ihr es mit Brainstorm besser.
Jürgen: Ja, die Jungs können mal kurz herfahren, wenn irgendwas ist, oder wir schauen bei ihnen vorbei. Auf längere Sicht ist das besser so.
MS: Interviewmäßig wart ihr mit „Materialized“ überall vertreten.
Jürgen: Ja, die taten auch viel. Mit der Arbeit von Olly Hahn waren wir hundertprozentig zufrieden. Zum Aufbau einer Band gehört jedoch mehr, und das funktionierte nicht.
MS: Was Touren betrifft, ist außer mit SAGA so gut wie nichts gelaufen.
Jürgen: Genau.
MS: Kann das nicht auch daran gelegen haben, daß letztes Jahr einfach für Musik wie eure schlecht war?
Jürgen: Teils, teils. Ich glaube, jeder weiß, was gut war und was schlecht war.
MS: Siehst du denn schon Verbesserungen? Vielleicht eine etwas größere Tournee am Horizont?
Jürgen: Da ist unsere Plattenfirma Polydor gerade dran. Wir sollen auf jeden Fall als Support auf Tour gehen. Es sind auch schon Bands im Gespräch, aber noch nicht Definitives. Ich kann dir also noch keinen Namen nennen. Die sind aber echt schwer am Ackern.
MS: Der Sound auf „For The Sake Of Truth“ ist sehr viel markanter als bei „Materialized“. Wenn man beide vergleicht, bollert schon das Advance-Tape mehr als beim Vorgänger die CD.
Jürgen: Zu der damaligen Musik paßt der Sound. Ich finde im Nachhinein, daß die erste Platte sehr glatt klingt, sehr steril. Diesmal wollten wir von den Arrangements her einfach einen rougheren Sound haben.
Bei Charlie stießen wir damit auf offene Ohren. Er steht auf die härtere Ecke und produziert viele Bands aus diesem Bereich. Es war sowohl der Wunsch der Band, als auch des Produzenten, einen Zahn zuzulegen.
Entsprechend schnell ging´s dann auch. Im Vergleich zu „Materialized“ haben wir nur ein Drittel der Einspielzeit gebraucht. Es hat sehr gut geklappt; wir mußten nicht viel darüber reden. Eine Art blindes Verständnis.
MS: Habt ir mittlerweile einen Ersatz für euren Drummer Didi (Dietrich Vogt) gefunden?
Jürgen: Ja, haben wir! Der Mann heißt Michael Kasper und kommt ebenfalls aus Stuttgart. Er war einer der zehn Drummer, die wir ausprobiert haben. Der ist wirklich oberamtlich.
Bisher hat er jedoch hauptsächlich in Coverbands gemuckt und auch einige Jahre Jazz gespielt, um auch andere Stilarten reinzukriegen. Jetzt ist er jedoch wieder richtig im Heavy-Lager drin.
MS: Es war zu lesen, daß du von der Esoterik-Schiene weitestgehend runter bist. So Sachen wie „It´s just believing that makes the dream come true“, was sehr stark, aber auch blauäugig klingt, dürftest du demnach so schnell nicht mehr schreiben!
Jürgen: Speziell bei dem Song („Take On A Shining Star“) ging es ja eigentlich nur um dieses Märchen, nicht um unsere Träume, die wir irgendwie wahr machen wollen.
Auf dem ganzen ersten Album ging es um das Positive, daß jeder versuchen sollte, aus jeder Situation das Gute rauszuziehen, alles aus einem positiven Blickwinkel zu sehen.
Auf der zweiten Platte sind wir sehr realistisch geworden, auf uns und die Musik, vielleicht auch auf die Umwelt bezogen. Realistischer heißt, ich sehe auch die schlechten Dinge und lache da auch nicht drüber und denke: „Das wird sich schon alles irgendwie zum Guten wenden.“ Von daher würde ich sowas nicht mehr unbedingt schreiben, nein.
MS: Soweit ich das verstehe (die CD mit den schlecht lesbaren Texten traf erst am Tag nach dem Interview bei mir ein), geht auf „For The Sake Of Truth“ vielleicht „King Of Almighty“ noch ein wenig in diese Richtung.
Jürgen: Ja, „King Of Almighty“ ist schon ein relativ positiver Song, allerdings geht´s da mehr um die „Mutter Erde“, will ich mal sagen.
Ich bin nachts um Drei aufgewacht, hab´ mir die Klampfe geschnappt; da war ein Riesengewitter. Da habe ich also am Fenster gesessen, hab´ mir das angeschaut und gedacht: „Mensch, eigentlich bist du ja ´n richtig kleiner Wurm mit all deinen Pipi-Problemen. Gegen die Natur und ihre Phänomene bist du nichts.“
Aus dieser Sicht heraus ist der Song sowohl positiv als auch nachdenklich ausgefallen.
MS: Über den „Not Enough Song“ habe ich schon geschmunzelt, bevor ich ihn überhaupt gehört hatte.
Jürgen: Hahaha! Was soll ich sagen, das ist einfach ein Kommentar von unserem Gitarristen (Welchem? – MS). Für ihn war das immer eine Art Spielerei, den er manchmal auch auf Konzerten bringt.
Das war ein reiner Gag im Studio. Da hat´s für ´nen schönen, normalen Song nicht gereicht, haha!
MS: Besonders freut mich, daß ihr meinen Live-Favoriten „Crime Of This Time“ mit auf die Scheibe gepackt habt. Bei eurem Gig in Hannover letztes Jahr warst du dir dessen noch nicht sicher.
Jürgen: „Crime Of This Time“ ist in der Tat einer der älteren Songs auf der Scheibe, wobei die Stücke durch die Bank etwa ein halbes Jahr alt sind.
„Crime…“ war eine unserer ersten Ideen. Wir haben den Titel dann noch ein wenig verändert und ihn mit draufgepackt, weil er einfach einen tierischen Groove hat, das wollten wir nicht missen.
MS: Die Soli sind allgemein viel besser geworden. Dafür ist „Crime…“ das beste Beispiel.
Jürgen: Stimmt, da ist im Studio viel daran gefeilt worden. Ich denke, das zeigt unseren Fortschritt mit am besten.
MS: Wovon handelt „Neverending“?
Jürgen: „Neverending“ ist eine ziemlich traurige Geschichte mit einem kleinen Hoffnungsschimmer. Es geht um einen Typ, der in einer Art Sanatorium ist. Er kann nicht hören, kann nicht sehen, kann eigentlich nur fühlen. Er versteht alles, kann sich aber nicht ausdrücken. Er weiß, was du denkst, ist also trotz seiner Misere nicht manövrierunfähig, wie man meinen könnte.
MS: Gibt der Song eine Erklärung, warum der Mann sich in dieser Lage befindet?
Jürgen: Nein. Das kann ein tragischer Unfall sein, ein Geburtsfehler, egal was. Es ist nicht festgelegt, warum er sich in diesem Dilemma befindet. Entscheidend ist, wie er damit fertig wird; mit einer Situation, die jetzt gerade passiert.
MS: Es ist also nicht so wie bei METALLICAS „One“, oder?
Jürgen: Nein, kein Kriegsversehrter oder so.
MS: Über dich konnte man lesen, daß du ungültig wählen willst.
Jürgen: Ja.
MS: An sich keine schlechte Idee, solange man nicht Braun wählt.
Jürgen: Genau. Weißt du, ich bin eigentlich nie der Wähler gewesen, aber diesesmal möchte ich schon meine Stimme abgeben; allerdings so, daß sie nicht die falsche Partei bekommt.
Meine Meinung ist, egal ob CDU oder SPD, im Ergebnis ändert sich nicht viel, weil jeder zuerst mal an sich denkt, an seinen eigenen Stuhl.
MS: Und über die kleinen Parteien weiß man zu wenig.
Jürgen: Die werden es auch nie so weit bringen, daß sie wirklich was zu sagen haben. Und wenn ich mir die FDP angucke, eine Partei, zu der man wenigstens noch ein bißchen Vertrauen haben kann, die verlieren ihre Wähler.
MS: Deren Hin- und Herspringerei dürfte viele irritiert haben.
Jürgen: Aus dem Grund geht bei denen zur Zeit auch nichts. Und wen willst du da noch wählen?
MS: Komischerweise ist die rechtsradikale Scheiße in anderen Ländern Europas noch viel dicker als bei uns, z.B. in Frankreich. Gerade die Franzosen müßten es doch eigentlich besser wissen.
Jürgen: Ja, sicher. Die sind halt mit ihrer Regierung genauso unzufrieden wie alle Länder. Ich glaube kaum, daß es ein Land gibt, wo die Leute rundum zufrieden sind mit dem was abgeht.
Dazu kommt, daß die Jüngeren keinerlei Erfahrungen mit Faschismus haben. Die haben darunter nie leiden müssen.
MS: Bringt denn vielleicht das Europa-Parlament eine Verbesserung?
Jürgen: Das ist ´ne gute Frage. Bis jetzt glaube ich da noch nicht recht dran.
Ich hoffe es schwer, es wär´ ´ne coole Idee. Die Frage ist nur, bis zu welchem Punkt sie sich verwirklichen läßt.
MS: Angenommen, du könntest nächste Woche auf Tour gehen, wen würdest du denn gerne begleiten?
Jürgen: Mittlerweile gibt’s nur noch wenige Bands, mit denen ich gerne „on the road“ gehen würde. Mit irgendwelchen Ziegenbart-Combos mit Zipfelmützen loszuziehen, das bringt nichts.
MS: Ja, steht auch im Info, die magst du nicht!
Jürgen: Nee, die mag ich absolut nicht, muß ich ehrlich sagen. Aber es gibt auch noch Leute, die normale Musik hören. Den Grunge-Bands fehlt es einfach an guten Songs, an etwas, das hängenbleibt.
Bei uns im Proberaum spielt eine Band, die halten gerade ein halbes Jahr ihre Klampfen in den Fingern, und jetzt spielen die Songs von SOUNDGARDEN! Ich kenne die Band ja gar nicht mal so richtig, aber es hört sich genauso an. Wenn du denen zuhörst, die können das – nach einem halben Jahr Gitarrespielen! Da frage ich mich, wo liegt da der Gehalt oder der tiefere Sinn der Musik, wenn jedes Kind das nach ´nem halben Jahr spielen kann?
MS: Das erstaunt mich. Es heißt, man könne von Grunge halten, was man wolle, die Bands seien wenigstens technisch gut. Scheinbar doch nicht, oder wie?
Jürgen: Ich glaub´s nicht. Ich habe mal was mitbekommen von einem Interview mit dem Drummer von NIRVANA (Dave Grohl). Der behauptet von sich selber, er spielt wahnsinnig schlecht Schlagzeug. Das, was er auf ihrer ersten Platte gebracht hat, war das Beste, was er kann, und das war wirklich schlecht. Das sagt er selbst.
Es gibt sicherlich auch in diesem Bereich Mucker, die was draufhaben. Aber mich hat das wirklich total überrascht.
MS: Kannst du mir mal erklären, worin die Bedeutung eines Produzenten liegt? Sind die wirklich so wichtig?
Jürgen: Ich will´s mal so sagen: Wenn du noch im Anfangsstadium bist, wo du wirklich ab und zu mal Tips brauchst, auf jeden Fall. Ich möchte nicht darauf verzichten.
Wenn du einen produktiven Produzenten hast, einen, der dir wirklich hilft und dir was bringt, dann ist das sehr gut.
MS: Mich wundert, daß auf den Platten der Produzent immer als Erster genannt ist, denn der Sound wird doch vom Engineer gemacht.
Jürgen: Oft ist der Produzent auch gleichzeitig Engineer. Ist das nicht der Fall, arbeitet der Engineer nach Anleitung des Produzenten, muß also genau das machen, was der Produzent will.
Wenn der sagt: „Schraub hier noch 12 Kilohertz in den Baß und nimm dafür an dieser Stelle noch etwas raus!“, muß der Engineer das machen.
MS: Hast du einen Wunschproduzenten?
Jürgen: Nein. Ich mein´, momentan ist das der Charlie, haha! Du mußt einen Produzenten aussuchen, wenn du dein Material fertig hast. Dann kannst du erst mit einiger Sicherheit sagen, wer dazu paßt.
Aber ich bin mit dem Sound auf unserer neuen Scheibe so zufrieden, ich möchte momentan keinen anderen.
MS: Da es derzeit nur wenige Bands gibt, die dir gefallen, hast du zuletzt bestimmt auch nur wenige Platten gefunden, die du magst, oder?
Jürgen: Ja, das stimmt. Das „Weiße Album“ von den BEATLES hat mir sehr gut gefallen; Tracy Chapman. Heavymäßig zieh´ ich mir gerade „Pull“ von WINGER rein. Die „DREAM THEATER Live“ hör´ ich mir auch ab und zu an, aber Aktuelles sehr wenig.
Dieses Interview erschien im TROUBADICKS #6