Auf ein Wort!

Oh nein, jetzt treibt sich dieser Spacko auch noch im Netz rum!!! Tut dat Not?!? Aber hallo! Hier gibt es Interviews, Reviews und mehr. Allem gemeinsam: Der ganze Krempel ist komplett von mir! Ob das ein Vor- oder Nachteil ist, muß jeder für sich selbst entscheiden... Was wollt Ihr sonst noch hier sehen? Ideen habe ich reichlich, möchte aber zuerst wissen, was Euch interessiert. Teilt es mir mit, z.B. als Kommentar. Spezielle Fragen zu mir und meiner Arbeit, Lob und Kritik aller Art ("Wie besoffen muß man sein, um so einen Mist zu verzapfen?") - egal was. Bin gespannt, wie sich das hier entwickelt... Haut rein, Ihr Eierbären! Michael P.S. Das Copyright aller Texte auf dieser Seite liegt ausschließlich bei Michael Schübeler.

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REDEMPTION – Die Lektionen des Lebens (HOME OF ROCK-Version)

Irgendwann lernt jeder, was im Leben wirklich zählt. Und damit er das ja nicht wieder vergißt, wird es ihm mit Nachdruck beigebracht; meistens unfreiwillig und noch öfter auf die harte Tour. Das kann z.B. ein plötzlich anfahrender Linksabbieger sein, den man mit 100 auf die Hörner nimmt. Ansonsten greift das Schicksal – bekanntlich fast ebenso [...]

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ICED EARTH – Du bist der Widerstand! (WAY UP-Version)

16. Oktober 2011

Es gibt Bands, bei denen die Veröffentlichung eines neuen Albums ein Ereignis ist, dem nicht selten Millionen Fans entgegenfiebern; wegen der Musik und/oder der Beliebtheit der Gruppe. IRON MAIDEN, JUDAS PRIEST, METALLICA, BLIND GUARDIAN… Die Liste dieser gerne als “Ausnahmebands” bezeichneten Formationen ist ganz schön lang, wenn man eine Weile darüber nachdenkt!

Apropos nachdenken: Mir ist – leider erst nach dem Interview, verdammt! – Folgendes aufgefallen: Obwohl ICED EARTH einen äußerst eigenständigen Stil entwickelt haben, ist es erstaunlich, wie unterschiedlich die Sänger klingen – und trotzdem passen!

Matthew Barlow war bei den Fans besonders beliebt. Tim “Ripper” Owens ist ein ehrfurchtgebietender Kopfstimmen-Athlet, hat dafür jedoch nicht diese Wärme in der Stimme; dennoch war er für die von ihm eingesungenen Alben genau der Richtige. Würde der neue Mann einem der beden das Wasser reichen können? INTO ETERNITY-Fans konnten die Antwort sofort geben: Und ob! Stuart Black ist mit einer faszinierend wandlungsfähigen Stimme gesegnet, die es ihm erlaubt, übergangslos von Halford-Screams oder Death Metal-Grunzen zu sanften, eindringlichen Tönen zu wechseln. Beeindruckend dabei ist die Intensität, die auf die Musik abfärbt; stets spürt man die Kraft, die dahintersteckt. Manchmal lauert sie dir regelrecht auf, bereit, dich im nächsten Moment aus dem Hinterhalt anzuspringen. Sowohl die harte (Kopf)Arbeit des Ausbaldowerns als auch die Freude am Einsingen der gefundenen Gesangslinien hört man dem Ergebnis deutlich an. Die Kombination aus Eingängigkeit und Härte schließlich könnte “Dystopia” zu einem wegweisenden Album machen, durch das viele Kids vom Heavy Metal-Virus befallen werden.

Mit Jon Schaffer, Bandkopf, Komponist und Rhythmus-Gitarrist von ICED EARTH, führte ich folgendes Gespräch:

 

MS: Ich bin mir noch nicht sicher, ob “Dystopia” tatsächlich das beste ICED EARTH-Album ist, aber es ist mein Favorit! Die CD ist so abwechslungsreich! Ich finde sogar, ihr habt euch hiermit ein Stück weit neu definiert.

Jon: Nun, es ist definitiv ein Schritt nach vorne; das auf jeden Fall. Ich hoffe, die Leute sehen das genauso. Und die Reaktionen, die ich bislang von Journalisten bekommen habe, sind hervorragend. Im Endeffekt entscheiden natürlich die Fans, ob sie das Album wirklich lieben oder nicht. Ich meine, ich liebe es, und das ist das Erste, worauf es ankommt. Ich stelle höhere Ansprüche an mich selbst als jeder andere. Wenn ich glücklich damit bin, wird es der Großteil der Fans auch sein.

MS: Der Vibe dieses Albums ist ungeheuer positiv, sogar wenn ihr über negative Dinge singt. Ist das die “Chemie”, von der du auf eurer Homepage sprichst?

Jon: Äh, dafür gibt es mehrere Gründe. Zunächst einmal bin ich heute eine viel positivere Person. Ich bin um einiges glücklicher und mehr im Einklang mit mir selbst; ich verstehe die Dinge besser, die um mich herum passieren. Das geschah vor ein paar Jahren, als ich das hatte, was ich mein “Erwachen” nenne. Dieses Erlebnis hat mein Leben verändert. Es hat mich in eine weitaus positivere… Ich weiß nicht, es ist schwer zu erklären. Es ist so, als wenn du dein ganzes Leben lang herumläufst, und du spürst, etwas läuft falsch, aber du weißt nicht genau, was es ist und wo der Fehler liegt. Du weißt nur, es ist nicht richtig, mit all der Ungerechtigkeit in der Welt und dem ganzen Mist. Und dann kam ich an diesen Punkt in meinem Leben, als ich vollkommen ausgebrannt war: fast 20 Jahre, kein Urlaub. Also machte Ich Ferien und fing an, mich wieder wie ein Mensch zu fühlen. Und dann erfuhr ich von diesen schrecklichen Dingen, in die mein Land verstrickt ist, auf eine sehr reale Weise. Und es war einfach… Es machte mich einfach… Ich war sowas von angepißt! Gleichzeitig fühlte ich mich aber auch befreit, die Wahrheit zu kennen. Und das ist ein sehr befreiendes Gefühl. Das ist alles, was ich sagen kann. Von daher war ich euphorisch und aufgeregt und so glücklich mit ICED EARTH wie seit Jahren nicht mehr, weil ich so ausgebrannt war. Und hierdurch bekomme ich eine völlig neue Perspektive, daher ist die Energie hinter dem ganzen Prozeß sehr positiv. Und dann kommt noch jemand wie Stu dazu, der jung ist und hungrig. Er hat die tollste Einstellung, die man sich vorstellen kann, um miteinander zu arbeiten. Er ist offen für jeden Vorschlag, gewillt, alles auszuprobieren, er ist dankbar für die Gelegenheit und die Kenntnisse, die ich ihm vermittle… Es ist eine tolle Sache, Mann! Es ist ein großartiger, positiver Vibe! Es war eine intensive Zeit, diese Platte zu machen, weißt du, es war wirklich… Wir standen mächtig unter Druck, aber hatten immer Spaß – und das kannst du spüren! Und was auch cool ist, ist, daß die Themen in den Songs echt fuckin´ düster sein können. ABER: Es gibt auch Songs voller Hoffnung über das ganze Album verteilt. Und das ist das Coole! Du hast “Anthem”. Du hast “Tragedy And Triumph”. Einer der Bonustracks auf der Digipak-Version heißt “Iron Will”, ein sehr positives Lied. Es besitzt also die ICED EARTH-Dunkelheit, aber wir hatten echt Spaß, diese Platte zu schreiben und aufzunehmen.

MS: Mein Lieblingssong – zumindest im Moment – ist “Dark City”.

Jon: Oh ja, der ist sehr beliebt!

MS: Der Abwechslungsreichtum, sowohl musikalisch als auch im Gesang, ist faszinierend!

Jon: Ja, das ist es, hahaha, ist es, Mann! Ich meine, wie gesagt, wenn du… Stu ist wie Matt, als er das erste Mal in die Band kam. Er hat eine großartige Einstellung, er ist gewillt, alles auszuprobieren… Aber weißt du, der Unterschied ist, daß Stu von einer Death Metal-Band kam, einer progressiven Death Metal-Band. Obwohl er echt hoch gesungen hat, Halford-mäßige Parts und einige richtig hohe Refrains, hat er das gesamte mittlere Spektrum seiner Stimme nie erforscht. Und, weißt du, als ich mit ihm am Telefon sprach, sagte ich zu ihm: “Das ist eine große Sache, denn das ist es, woran ich zuerst dachte. Deshalb müssen wir sehen, wie du im mittleren Bereich klingst. Wir müssen uns auf diesen Teil deiner Stimme konzentrieren, den du nie erkundet hast.” Er war also offen dafür, es auszuprobieren – und es funktionierte hervorragend! Und wir machten einfach weiter und probierten weiter verschiedene Dinge aus und pushten weiter, und während der ganzen Zeit legte er eine Killer-Einstellung an den Tag und nahm, wie bereits gesagt, alles dankbar an und war glücklich, dabei zu sein. Ich denke, es ist eine sehr gute Partnerschaft, die wir haben. Die Band ist tight, Mann!

MS: “Days Of Rage” ist geil, so wie es ist, aber es ist auch ein Stück, mit dem man alles Mögliche anstellen könnte.

Jon: Ja, das ist wahr, aber das ist einfach nur als kurzer Tritt in die Eier gedacht und soll gar nichts anderes sein. You know, it´s like two minutes or something and – boom! It´s just it. Es ist, was es ist.

MS: Basiert der Titelsong “Dystopia” auf dem Computerspiel oder dem Comic?

Jon: Kenne ich beides nicht. “Dystopia” bezieht sich direkt auf die “Something Wicked”-Geschichte; dasselbe gilt für den letzten Song, “Tragedy And Triumph”. Die beiden sind mit der “Something Wicked”-Story verbunden. Wir wollten ein dystopisches Thema auf dem Album haben. Daher gaben wir einige Songs über Filme: “V” handelt von “V wie Vendetta”, desweiteren “Dark City”, “Equilibrium”, “Soylent Green”… Darüberhinaus zwei aus der “Something Wicked”-Story, die ebenfalls total dystopisch ist. Dann kommt am Ende eben das dabei heraus. “Dystopia” selbst handelt von Menschen, die aus dem Land vertrieben und in Gefängnisstädten zusammengepfercht werden, verstehst du; Städte, die hermetisch abgeriegelt sind und wie Polizeistaaten kontrolliert werden. Das ist es, was man auf dem Album-Cover sieht: Da ist Set (Set Abominae, das ICED EARTH-Maskottchen), der über den Gebäuden aufragt, dazu sich überschneidende Suchscheinwerfer und die Gefangenen und alles, um den Punkt in der Geschichte zu verdeutlichen, an dem die Menschheit zusammengetrieben und darauf vorbereitet wird, abgeschlachtet zu werden. Und “Tragedy And Triumph” beschreibt, wie die Menschheit schließlich doch als Sieger aus der Sache hervorgeht und frei ist. Es ist ziemlich cool!

MS: Was mir besonders imponiert: Mit den positiven Songs auf dem Album schafft ihr es tatsächlich, den Effekt rüberzubringen, daß diese Stücke wirklich aufbauend sind. Eine Zeile wie “We are the resistance” (“Wir sind der Widerstand”) gibt mir Auftrieb, wenn ich sie höre.

Jon: Das ist klasse, Kumpel. Das war der Gedanke dabei. Die Idee dahinter ist, ein sehr düsteres Bild zu malen, aber dann den Menschen ein wenig Hoffnung zu geben und zu versuchen, sie zu inspirieren, daß mit Wissen und Glaube an dich selbst, und indem du wieder zu deiner Menschlichkeit zurückfindest, du die Antwort bist. Du bist der Widerstand! Wenn du in den Spiegel schaust: Du willst Lösungen? Blick in den Spiegel!

Ich denke, es geht einfach darum, den Menschen Hoffnung zu geben. Gib den Menschen Hoffnung, Mann! Die Menschen fühlen sich ziemlich verloren. Und ich denke, es ist… Weiß nicht… Wenn die Menschen den Wunsch haben, zu lernen und zu verändern und sich wieder mit ihrer Menschlichkeit zu verbinden, dann ist alles möglich.

Es fängt jedenfalls auf der persönlichen Ebene an, finde ich. Ich glaube, wir leben in historischen Zeit. Ich weiß nicht, wohin das alles führen wird, aber es wird Geschichte schreiben, das ist sicher.

MS: Eine Zeile auf “Dystopia” lautet: “Experimenting understands the human soul.” (“Experimente erfassen die menschliche Seele.”)

Jon: Ja, hahaha! Könnte sein!

MS: Hat Stu all die verschiedenen Gesangsspuren auf “Dystopia” eingesungen?

Jon: Stu hat das meiste davon gemacht. Einige Group-Vocals wurden gemacht, das waren ich, Jim (Morris), Stu und Howard Helm. Doch wenn es sich um eine Harmonie für eine einzelne Zeile handelt, dann ist es höchstwahrscheinlich Stu, den du hörst. Wir haben in der Abteilung nicht zuviel gemacht, weißt du, gigantische Refrains und sowas. Wir haben uns in jeder Hinsicht auf das Wesentliche konzentriert. Es ist ein viel fokussierteres Album.

Das war ein ganz natürlicher Vorgang, Mann. Wie gesagt, die Energie hinter dem Album ist weitaus positiver und konzentrierter als bei den letzten Scheiben. Während der Entstehung des letzten Albums habe ich mehrere Familienmitglieder verloren, und das wirkte sich auf das Album aus. Besonders auf “Crucible” (“The Crucible Of Man”, 2008). “Framing Armageddon” (2007) war besser, aber “Crucible”… Ich schrieb das Meiste davon in dem Zeitraum und wir nahmen vieles davon um die Zeit herum auf. Zuerst starb mein Bruder, dann starb mein Vater, dann meine Schwester – alle innerhalb eines Jahres! Das war brutal!! Und ich kann es in der Musik hören. Ich kann hören, insbesondere auf “Crucible”, wie haltlos ich war. Ich kann mir die Arrangements anhören, und heute sage ich: “Mann, da sind coole Parts drauf, aber sie sind nicht richtig arrangiert. They´re just not arranged where I was like.” Ich war nicht von Anfang bis Ende da. Ich habe mein Bestes getan, aber…

MS: Nach dem zweiten ICED EARTH-Album “Night Of The Stormrider” (1991) wart ihr mehr oder weniger pleite, soweit ich weiß…

Jon: Also, ich meine… Um pleite zu sein, mußt du erst mal Geld haben, hahaha! Weißt du, ich hatte immer noch kein Geld, und ich war sauer deswegen, denn ich wußte, wieviel die Band verkaufte. Wir machten keine Kohle. Wir waren also nicht wirklich bankrott, weil wir eh nie Geld hatten.

MS: Das “ANVIL-Syndrom”?

Jon: Wahrscheinlich ein bißchen, ja.

MS: Ich habe ein Faible für euer erstes Album (1990), besonders für “When The Night Falls”. Es ist schwer zu beschreiben, aber wie… Woher kommt die Atmosphäre?!

Jon: Nun, Mann, das ist zwar old stuff, aber das war tatsächlich ein recht großes Album, wenn man bedenkt, wie wenig Geld dafür ausgegeben wurde und im Hinblick auf die Produktion; überdies waren wir bei einem brandneuen, kleinen Indie-Label wie Century Media. Ich meine, das Album hat sich im ersten Jahr 500 Mal verkauft. Das ist schon eine Hausnummer. Und es war erfolgreich. Aber wo die Musik herkam, die Energie, ich meine, das war einfach ein junger, aggressiver Typ, der das Zeug schrieb und noch seinen Weg suchte. Du mußt bedenken, die Songs auf unserer ersten Scheibe waren mit das erste von mir geschriebene Material überhaupt. Ich meine, ich hatte zu der Zeit schon einiges von dem “Stormrider”-Album verfaßt, und vielleicht waren die Songs besser, doch ich wollte meine Karriere katalogisieren – wie ich mich als Künstler weiterentwickle. Ich möchte, daß alle Alben mein Wachstum als Songwriter und zugleich das, was in meinem Leben passiert, unmittelbar widerspiegeln. Also tun sie das. Ich meine, ich kann auf jede dieser Platten zurückblicken und weiß genau, was in meinem Leben abging. Ich fühle es. Ich erinnere mich an jene Zeiten, wie immer sie auch gewesen sind.

MS: Mit wievielen verschiedenen Covern ist “Stormrider” im Laufe der Jahre eigentlich herausgebracht worden?

Jon: Äh, ich glaube, vier. Nein, tatsächlich sind drei auf den Markt gekommen: Das erste war einfach furchtbar. Dann folgte ein Gemälde, das war echt gut. Und dann, als sie den Katalog überarbeiteten, wurde es in einem animierten oder Comicbuch-Stil veröffentlicht.

Dieses Interview erscheint im WAY UP #38

MICHAEL DICKES – A Man and his Guitar

22. August 2011

In einer Zeit, in der die Musikszene immer unübersichtlicher wird und aus allen Näthen zu platzen droht, werden die gemeinhin als “echte Künstler” titulierten Musiker seltener, aber auch um so wichtiger. Auf eine Stufe mit Peter Gabriel, Sting oder Fish gehört mit Sicherheit Michael Dickes. Wie schon bei GYPSY KYSS gelingt es ihm auch mit seinem ersten Solostreich “Uneven Alley”, den Hörer mit jeder Note zu verzaubern.

Nach seinem phantastischen Soloauftritt unterhielt ich mich mit Michael Dickes.

 

MS: Könnte man sagen, daß du dir mit “Uneven Alley” einen Traum erfüllt hast?

Michael: Es war schon lange mein Traum, ein Akustik-Album zu machen. Weißt du, alle meine Helden waren Musiker, die einfach auf die Bühne gehen konnten, nur mit einer Gitarre, ihrer Stimme, einfachen Songs und ihrem Hirn, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen und es zu fesseln.

MS: Die SCORPIONS haben ja kürzlich dasselbe gemacht, um ihr neues Album vorzustellen.

Michael: Das ist etwas anderes. Ich spreche von EINEM Künstler und seinen Liedern. Es ist sehr schwer, ganz allein auf eine Bühne zu steigen!

MS: Es gehört eine Menge Courage dazu, denke ich.

Michael: Oh ja! Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, aber es hat eine Zeit gedauert.

Es hat auch damit zu tun, zum Wesentlichen in der Musik zurückzukehren. Weißt du, wann immer wir mit GYPSY KYSS eine Platte aufgenommen haben, gab´s eine Menge Gitarren, ein bißchen Keyboard…

MS: Ich finde nicht, daß auf den GK-Scheiben übermäßig viel Gitarre drauf ist…

Michael: Du wärest überrascht, wenn du bei den Arbeiten zu “Songs From A Swirling Ocean” im Studio gewesen wärst. Es war nicht wie bei DEF LEPPARD, aber es kamen doch viele Gitarren zum Einsatz.

MS: Mag sein, aber sie kamen doch nicht so sehr durch.

Michael: Right. Aber mein Ding ist nun mal einfache Musik.

MS: Was genau war es, was du mit GYPSY KYSS nicht realisieren konntest? Schließlich warst du die Hauptperson, und von daher war jede Platte in gewisser Weise eh eine Soloplatte von dir.

Michael: Ja, in gewisser Weise schon.

Einer der Hauptgründe, warum ich mich entschlossen habe, solo weiterzumachen, war der Name “GYPSY KYSS”. Es ist ein schrecklicher Name! Ich mag ihn nicht! Er klingt zu sehr nach GIPSY KINGS, GIPSY ROAD… Außerdem gibt es in England schon eine Band mit dem Namen GYPSY KISS.

MS: Stimmt! Die habe ich mal in einem Mailorder-Katalog entdeckt!

Michael: Ich meine, es kann sein, daß es in ein paar Jahren ein weiteres GYPSY KYSS-Album geben wird, aber ich bezweifle es.

MS: Also ist es mehr als nur eine lange Pause?

Michael: Ich denke es. Du mußt verstehen, viele Journalisten fragen: “Was ist mit GYPSY KYSS passiert?”, sagen aber gleichzeitig, ob ich nicht eigentlich GYPSY KYSS gewesen sei. Wirklich, wir sprechen hier lediglich über einen Namen!

Ich liebe alle Musiker, die mit mir in dieser Band gespielt haben. Sie sind weiterhin meine Freunde; sie unterstützen mich weiterhin und ich sie. Aber die Qualität der Musik hat sich doch nicht geändert! I´m still writing songs! Und meine jetzigen Songs sind besser! Ich werde älter und schreibe schon deshalb bessere Songs! Im Grunde hat sich doch nur der Name geändert, das ist alles!

Ich habe schon oft gesagt, daß ich irgendwann einmal alle GK-Mitglieder zusammenbringen möchte, um eine wirklich großartige Platte zu machen. Da sie alle jetzt selbst Songs schreiben, könnte jeder von ihnen zwei oder drei eigene Stücke beisteuern.

Aber momentan ist es schwierig genug, meine eigene Karriere ans Laufen zu bringen.

MS: Sind die Titel auf “Uneven Alley” direkt nach dem Ende von GK entstanden?

Michael: “Hey You” habe ich vor etwa zwei Jahren geschrieben. “In My Time Of Dyin´” is an old traditional blues song. “Turn To Stone” entstand vor einem Jahr.

MS: Die Platte deckt ja eine gewaltige Zeitspanne ab! Gibt es Songs darunter, die du besonders magst?

Michael: Schwer zu sagen. Ich lebe ja teilweise schon wirklich lange mit den Songs. Aber im Grunde mag ich die neuen Nummern mehr.

MS: Oder anders gefragt: Welcher Song hat dich am meisten bewegt, als du ihn geschrieben hast?

Michael: Vielleicht “Turn To Stone” oder “Uneven Alley”. Vielleicht…

Weißt du, die Hauptaussage von “Turn To Stone” ist: Ich wünschte, ich wäre vor langer Zeit geboren – 1960! Ich wünschte wirklich, ich hätte damals in New York gelebt, in Greenwich Village, als Joni Mitchell und Bob Dylan und die anderen einfache Songs schrieben und die Menschen ihnen zuhörten.

Heute gibt es diese gigantischen Produktionen und all diesen Bullshit, aber wenn es drauf ankommt, ist das Einzige was zählt ein einfacher Song mit guter Musik und einem vernünftigen Text.

MS: Eine große Produktion macht aus einem schlechten Song ja auch noch lange keinen guten!

Michael: Oh, manchmal schon, haha!

MS: Glaubst du, daß Musik, wie du sie machst, heutzutage große Chancen hat? Können die Leute noch zuhören?

Michael: Zuhören? Welcher Musik? Meiner?

MS: Oder auch Musik allgemein, sofern der Künstler etwas zu sagen hat.

Michael: Doch, ich denke schon. Ich bin auch der Meinung, daß die Anzahl derer, die auf die Texte achten, mehr und mehr zunimmt.

Du mußt sehen, daß es verschiedene Arten von Musikhörern gibt. Da sind zunächst diese “braindead people”, die nur das hören, was gerade angesagt ist.

MS: Für die ist Musik eh nur ein Konsumprodukt!

Michael: Yeah, sie hören nur das, was ihre Freunde gut finden.

Dann gibt es aber auch Leute, die Musik wirklich lieben. Ich meine, Musik ist nicht nur etwas, womit man ins Bett geht, wonach man tanzt oder was man im Auto hört. Musik ist das stärkste Kommunikationsmittel der Welt. Es hören jedenfalls mehr Menschen Musik als anderen beim Reden zu lauschen. I really think so.

MS: Was also kann Musik bewirken? Was kann sie verändern? Viele, selbst Musiker, sind der Ansicht, daß Musik nicht die Welt verändern kann.

Michael: Das kann sie mit Sicherheit nicht, aber sie kann zumindest helfen. Wenn du ein Nr. 1-Album hat oder eine Hitsingle im Radio, wird das von Millionen Menschen gehört. Wenn dein Song dann noch eine positive Aussage hat… Selbst wenn die Leute deine Message gar nicht hören wollen, sitzt sie trotzdem in deinem Unterbewußtsein. Musik ist sehr stark und hat eine mächtige Stimme.

Als Musiker trägt man jedoch eine große Verantwortung. Selbst wenn man diese nicht übernehmen will, muß man sich doch darüber im Klaren sein.

Stell dir mal vor, jeder Sänger, Songwriter, Künstler, der nächste Woche herauskommt, sagt: “Tötet den Papst!” oder sowas. Stell dir vor, wieviele Leute anfangen würden, ernsthaft darüber nachzudenken! Die Menschen sind nun mal hirnlos heutzutage, auch wenn es sich verrückt anhören mag.

MS: Du hast mal gesagt: “Viele Leute begreifen die Macht von Musik überhaupt nicht. Denen geht die Leistung, die die Bands erbringen, total am Arsch vorbei.”

Siehst du diesbezüglich Veränderungen bzw. wird es jemals welche geben?

Michael: Well, I don´t know! In gewisser Weise ist es für eine Band nur gut, wenn sie kämpfen muß. Ich wäre sehr unglücklich gewersen, wenn GK mit ihrem ersten Album gleich riesigen Erfolg gehabt hätten, weil die Musik auf der Platte nicht die ist, mit der ich den Menschen im Gedächtnis bleiben möchte.

Wenn du einmal Erfolg hast, wirst du auf einen bestimmten Musikstil festgenagelt. Eine Weiterentwicklung ist dann praktisch unmöglich. Wenn BON JOVI mit Country Music angefangen hätten…

Weißt du, heutzutage ist die Musikindustrie eine große, beschissene Maschine. Sie nehmen einen Künstler, der gut aussieht, ein bißchen singen kann, der vielleicht einen “catchy” Song hat, stecken ihn in ein tolles Studio, heuern einen superteuren Produzenten an, machen ein Video für MTV, bezahlen für die Radioeinsätze… they make this product! Und die meisten der Bands, die es über Nacht schaffen, sind innerhalb eines Jahres wieder verschwunden.

Daher bin ich sehr froh, daß ich immer kämpfen mußte. Aber jetzt habe ich meinen Stil gefunden, schreibe die Songs, mit denen ich mich wohlfühle.

Dieses Interview erschien im HORROR INFERNAL #49 (11/93)

ROBIN BECK – Gelassene Power

18. August 2011

Es paßt einfach nicht, bei ROBIN BECKS neuem Album “Do You Miss Me” von einem Comeback zu sprechen, denn die Amerikanerin, die unter allen Umständen schonungslos ehrlich ist, hat immer Musik gemacht – neuerdings sogar mit ihrer siebenjährigen Tochter Olivia (“Sie sieht aus wie ihr Vater und singt wie ihre Mutter. Wenn er singt, imitiert sie ihn. Wenn ich singe, sagt sie mir, was ich besser machen muß!”). Sie war in den letzten Jahren nur nicht so präsent wie zu Zeiten von “First Time” und ihrer ersten – eigentlich zweiten – Platte “Trouble Or Nothing” Ende der Achtziger.

 

MS: Verglichen mit den Big Names früher sind auf “Do You Miss Me” eher unbekannte Musiker zu hören. Sie haben jedoch ausgezeichnete Arbeit geleistet. Es klingt, als ob sie es alle genossen hätten, und es für sie nicht bloß ein weiterer Studiojob war.

Robin: Weißt du, diese Platte wurde von Fabrizio Grossi produziert, der in Los Angeles lebt. Also wurden die Tracks hin- und hergeschickt. Ich war nicht mit den Musikern in Los Angeles, sondern nur hier mit James (Christian, Sänger von HOUSE OF LORDS). Das ist aus den Credits nicht ersichtlich, aber er hat die Songs sozusagen zurechtgeschneidert, hier etwas gekürzt, dort etwas hinzugefügt. Wir haben das dann untereinander kritisiert und anschließend Fabrizio mitgeteilt, was wir davon hielten.

Daher bin ich nicht hundertprozentig sicher, wie sich die anderen beim Einspielen gefühlt haben. Aber für mich klang es, als hätten sie es gemocht und genossen. Leider konnten wir diesmal wegen der Entfernung zwischen uns keine Beziehung zueinander aufbauen.

MS: Aber ist das nicht der Normalfall in der Studioszene, daß der Solokünstler nicht dabei ist, wenn seine Musik aufgenommen wird?

Robin: Nun, was mich betrifft, ich bin normalerweise dabei. Das war bisher auf jeder Platte so, die ich gemacht habe. Ich war gemeinsam mit den Musikern im Studio und habe zu dem gesungen, was sie gespielt haben, damit sie ein Gefühl für die Tempi, Breaks und Tonarten bekamen. Weißt du, alles richtete sich nach der jeweiligen Tagesform.

Aber heute ist die Entfernung ein Problem, wenn du zusammen spielen oder aufnehmen willst. Wenn du aus einem Bundesstaat oder Land wegziehst, geht das logischerweise mit einer Änderung deiner Adresse einher. Und die Entfernung wird lächerlich, wenn du zu weit wegziehst, um weiterhin dieselben Musiker anzurufen. Einige sind gestorben, einige spielen in Bands, die oft auf Tour sind – und einige haben sich ganz zur Ruhe gesetzt. Dann findest du sie gar nicht mehr. Und wenn doch, dann sagen sie: “Nein, ich nehme nur noch mein eigenes Zeug bei mir zuhause auf!” oder “Ich will mich nur noch um meine Frau und meine Kinder kümmern!” oder “Ich nehme jetzt christliche Platten auf!”

Beides ist ein Luxus: Ins Studio zu gehen und hunderte und tausende Dollars für deine Tracks ausgeben zu können. Auf der anderen Seite ist es ebenfalls ein Luxus, es in der Behaglichkeit deines eigenen Heims zu tun. Das sind zwei völlig verschiedene Gefühle.

Ich muß zugeben, daß man sich mit Musikern unsterblich fühlt, über dem und losgelöst vom Rest der Welt. In dem Moment fliegst du so hoch und bist quasi unantastbar. Denn Musiker zu sein ist etwas derart Besonderes. Das machen nicht so viele und arbeiten mit einem solchen Kaliber von Leuten, wie ich das tun konnte. Und zuhause arbeiten – im Pyjama! – meine Tochter hält meine Hand, wenn ich mich nicht gut fühle. Oder wenn ich es leid bin, einen Song zu singen, aber immer noch nicht glücklich damit bin.

Das ist genauso speziell, denn du nimmst das Mikrofon – und du bist total du selbst! Es kommt direkt aus deinem Herzen; aus allem, was dich ausmacht. Es kommt einzig auf dein Talent an. Die Inspiration, aber auch Ablenkung von außen fällt völlig weg. Jetzt bist du mit dir alleine! Das ist so rein und ehrlich wie es nur sein kann! Weil du es wirklich in dir finden mußt. Und das fühlt sich gut an!

MS: Wieso sind auf “Do You Miss Me” drei verschiedene Gitarristen zu hören?

Robin: Ich weiß es nicht! Ich denke, Fabrizio hat die Gitarristen nach dem jeweiligen Stück ausgesucht; danach, wer darauf am besten spielen würde, wer ihm das ehrlichste oder authentischste Feeling geben würde. Denn viele dieser Songs waren sehr unterproduziert, bestanden nur aus dem Gerippe, und wir haben die Musik drumherum kreiert, um ihnen den Spirit von “Trouble Or Nothing” zu geben, im alten Sinn des Rock´n´Roll der Neunziger und Achtziger.

Musik ist in dieser Weise nicht mehr kreativ. Leute gehen ins Studio und spielen Gitarrensoli auf ihren Keyboards! So gut wie Santana! Wenn du etwas produzierst, bekommst du wirklich das Gefühl, daß du nicht für alles denselben Musiker brauchen kannst, wenn du alles, was dir vorschwebt, richtig umsetzen willst. Das ist auf eine Art gut, aber andererseits ist es keine Band. Aber weißt du was? Ich bin keine Band, ich bin ein Solokünstler. Da ist der Produzent schon wichtig, was die Auswahl der Musiker betrifft, und leider war ich diesmal eben nicht dabei. Ich habe keinen der beteiligten Musiker je getroffen. Ich bekam einen Rough Track, sang Pilotvocals drauf und schickte ihn zurück. Dann bauten sie die Musik drumherum, schickten es mir wieder zu.

Ich überließ James die endgültige Entscheidung, was wir machen und was nicht, die “Do”s und “Don´t”s. Dies war das erstemal, daß ich mich aus allem komplett rausgehalten habe und nur als Sängerin fungierte. Das war auf eine Art echt gut, weil es mir eine Chance gab, mich selbst wiederzufinden. Es ist lange her, daß ich aus voller Kehle und mit ganzem Herzen gesungen habe. Ich liebte es!

Es war eine gute Erfahrung, alleine zu sein. Weißt du, ich vertraue meinem Body Rhythm, um genau die richtige Ecke für die Musik zu finden. Ich konzentriere mich auf das Feeling, das die Musik mir gibt, das Feeling, das die Worte mir geben. Ich male mein eigenes Bild im Kopf. Ich denke mich an einen anderen Ort, wenn ich gewisse Lieder singe. Es gibt welche, mit denen kann man das nicht machen. An die muß man technischer herangehen. Aber meistens kommt meine Inspiration aus meiner eigenen Palette; welche Farben ich im Kopf auch immer auswähle, um meinen eigenen Regenbogen zu malen und da einfach runterzugleiten.

MS: Zu meinen Favoriten gehört “Stone By Stone”. Das ist kein Rocksong und keine Ballade, sondern ein Mittelding. Ist sowas für dich schwieriger zu singen?

Robin: Nein. Ich bin froh, daß du “Stone By Stone” erwähnst. Es ist nicht sehr rockig, aber es ist immer noch ein Rocksong, wenn auch mehr in der Art von DON HENLEY. Ich liebe diesen Rhythmus. Ich liebe Rhythmen, wie sie etwa “Missing You” von JOHN WAITE besitzt. JOHN WAITE, ROD STEWART, JOE COCKER – das sind meine Traumsänger. Mein leidenschaftliches Singen habe ich von Steven Tyler (AEROSMITH) gelernt. Ich weiß, ich mache es anders, aber er ist meine Inspiration.

MS: Ist es für einen Solokünstler nicht hart, zu entscheiden, welches Foto von sich er auf das Frontcover packen will? Welches Bild von dir und deiner Musik möchtest du z.B. bei “Do You Miss Me” vermitteln?

Robin: Na ja, es ist ja kein Konzeptalbum, sondern eine Rockscheibe. Deshalb wurde dieses Bild aufgrund des Gefühls ausgewählt, daß es beim Betrachten in uns auslöste. Und als ich das Foto sah, sprang mir spontan der Titel von Amys (Amy Sky) Song “Do You Miss Me” in den Kopf. Ich meinte zu den anderen: “Wißt ihr was? Es mag sich ein wenig anmaßend anhören, daß die Welt loslegt: “Jau, wir haben dich vermißt!”"

Darum ging es nicht. Es war nur das Gesicht drauf, und das funktionierte für mich. Ich mochte es! Die Plattenfirma dachte: “Vielleicht “Coming Back For More”…” Ichsagte nein, denn ich war ja nie weg. Es war lediglich so, daß sich die Leute nicht mehr so dafür interessiert haben, was ich gemacht habe. I´m not coming back for more because I still haven´t left. Mit “Do You Miss Me” will ich einfach nur sagen: “Jetzt singe ich das, weshalb du diese Platte gekauft hast. Daher hoffe ich, du bist froh, mich wiederzusehen! Und daß ich diese Platte gemacht habe, denn ich habe sie für dich gemacht! Ich habe sie für mich und für dich gemacht!!”

 

Robin Beck über ihre Alben vor “Do You Miss Me”:

Sweet Talk (1979)

Ich war ein Baby, haha! Das war mein erstes vollständiges Album. Damals fehlte mir die Richtung. Ich lernte immer noch über das Business und hatte nie zuvor die Möglichkeit bekommen, eine Platte zu machen. Kein Album; ich hatte vor laaaaanger Zeit eine Single aufgenommen, in Detroit, mit der jedoch nichts passierte. Die Position, ein richtiger Künstler zu sein, war völlig neu für mich. Daher mußte ich geführt werden.

Die Zeit von “Sweet Talk” fiel in das Ende einer Ära: Disco. Disco hatte seinen Höhepunkt erlebt und war im Grunde gelaufen. Doch das konnte ich nicht wissen, denn Disco war wirklich nicht meine Stärke. Damals bezeichnete ich mich als R´n´B-Sängerin. Ich landete also in diesem Geschäft und wußte nicht, wer ich war. Das fand ich erst heraus – und das hört sich für dich bestimmt seltsam an – durch die vielen Gelegenheiten, an Projekten mitzuwirken, bis ich irgendwann bei Werbespots angelangt war. Immer mehr Leute, die 10, 20 Mal mehr Erfahrung hatten als ich, sagten zu mir: “Du bist eine unglaubliche Rocksängerin! Warum in aller Welt singst du Disco?!”

So bewegte ich mich immer mehr in diese Richtung, zunächst indem ich versuchte, so zu klingen wie die Künstler, die ich bewunderte, wie CHAKA KHAN oder ARETHA FRANKLIN. Ich liebte diesen Stil. So wurde ich sehr flexibel und lernte irre viel.

Trouble Or Nothing (1989)

Ursprünglich wollten wir es “Double Or Nothing” nennen. Weil es ein Spiel war. So empfand ich es jedenfalls. Im Verlauf der Aufnahmen drängte sich mir jedoch mehr und mehr das Gefühl auf, daß das Album Ärger oder gar nichts sein sein würde. Ich würde entweder ein Album haben, das zu machen eine Menge Zeit und Ärger kosten würde, oder ich würde gar kein Album haben. So kam ich zu “Trouble Or Nothing”. Hier wie auch bei “Human Instinct” hätte kein Songtitel ausdrücken können, was ich für die ganze Platte empfand.

Übrigens ist deine Annahme, ich hätte bei der Auswahl der Songs kein Mitspracherecht gehabt, total falsch! Wahr ist freilich, daß mir keiner gesagt hat, daß so viele der Titel bereits von anderen Künstlern aufgenommen worden waren. “Save Up All Your Tears” von BONNIE TYLER war die einizge Version, die ich kannte. Ich liebte sie! Sie hatte “Total Eclipse Of A Heart” gemacht. Den Song habe ich gehaßt! Selbst wenn ich gewußt hätte, daß er ein Hit war, wäre das nicht mein Ding gewesen. Aber nachdem ich sie singen gehört habe, fand ich sie irre gut. Aber daß z.B. “Hide Your Heart” auf fünf Platten erschien, bekam ich gar nicht mit. Ich vwußte, daß der Titel nicht mein Ticket zu Ruhm und Reichtum sein würde. Es war ein niedlicher Song, aber am wenigsten mein Favorit auf der Platte, zusammen mit “If You Were A Woman (And I Was A Man)”. Das wurde mir von Desmond (Child) aufgedrückt. Er sagte, daraus sei “Livin´ On A Prayer” erwachsen. “Diese Nummer habe ich zuerst geschrieben, vor “Livin´ On A Prayer”. Du solltest es machen! Es ist ein Hit!” Ich sagte ihm, daß mir das Lied nicht gefiel. Aber ich hatte so viele der Songs auf der Platte ausgesucht, daß auch andere etwas Input haben sollten.

Und er ist ein wundervoller Produzent. Es stimmt, daß seine Produktionen alle ähnlich klingen und manchmal den Künstler regelrecht zudecken. Mich aber nicht, finde ich. Desmond wäre der Erste, der dir sagt, daß er bis dahin mit niemandem wie mir gearbeitet hatte. Ich weiß, daß ich die erste Rocksängerin war, die er produziert hat. Und ich denke, er hat dadurch einen Kick bekommen, weil endlich mal jemand seine Produktionen richtig fordern konnte. The productions didn´t run the show. Es gab kein Lautstärkeproblem, mit anderen Worten. Das konnte mich nicht zudecken. Auch nicht der Wall of Sound, auf den Desmond bei den Background Vocals so steht. Für mich war das so toll, weil 7, 8 meiner Lieblingssänger um mich herumstanden, und je mehr Tracks wir sangen, umso mehr Spaß hatten wir! Wir haben uns gar nicht so sehr mit dem Endprodukt beschäftigt; wir waren beim Singen viel zu sehr im Moment gefangen.

Das Ergebnis IST ein Klangwall. Aber die Wahrheit ist: Es macht soviel Spaß, wenn so viele Menschen, die derart gut singen können, gemeinsam ein Lied schmettern. Und dann ist am Ende der Sound so groß. Und es erschafft ein Bild! Das ist dreidimensional! Wenn du es dir im Studio anhörst, kannst du es aus den Wänden kommen sehen!! Ich muß aber auch sagen, daß die Platte noch besser hätte ausfallen können. Hätte ich mehr Zeit gehabt, hätte die Company mich besser verstanden, und hätte ich nicht… Ich hatte ein Zeitproblem. Bedenke: Als “First Time” als Single herauskam, gab es noch gar kein Album! Niemand war auf den Erfolg vorbereitet, den dieser Song hatte – am wenigsten ich! Ich wußte nicht mal, daß er in den Charts war! Ich hatte keinen Plattenvertrag, als der Song Nr. 1 war! Mir blieben etwa 6 Monate zum Schreiben, denn wir machten eine zweite Single, “Save Up All Your Tears”, die ebenfalls ein großer Hit wurde. Damit wäre allerdings noch viel mehr möglich gewesen. Es ist ein Smash-Hit. Du könntest das Lied morgen herausbringen, und es würde für den Interpreten ein Hit werden. Es sollte 500 Mal aufgenommen werden, von sovielen Künstlern wie möglich, denn wenn du es singen kannst…

Nicht so wie CHER. Sie ist ein Superstar, daher sorgt so ziemlich alles, was sie tut, für Aufsehen. Ihre Version war mir peinlich. Sie war keine Freundin von mir, deshalb konnte ich ihr nicht sagen: “Der Song ist zu groß für dich. Laß es lieber!” Doch was kann ich dir sagen? Man kennt sie immer noch dafür hier in Amerika. Dabei wurde er nicht Nr. 1. Er kam nicht einmal besonders hoch in den Charts.

Human Instinct (1992)

Da sich die Platte so stark um Liebe und Romantik und Beziehungsprobleme drehte, mußte es ein menschlicher Instinkt sein, weiterhin verliebt zu bleiben. Und um solche Songs zu singen und mich mit dem ganzen Album wohlzufühlen, mußte ich es “Human Instinct” nennen. Das ist es, was dieses Album ist: Alles darauf handelt von Liebe – was ja jeder will!

In dieser Phase meines Lebens habe ich einiges durchgemacht. Ich sah keinen Grund, warum ich auf einmal das Label wechseln mußte. Ich hatte großen Erfolg, und ich hatte keinen Schimmer, warum ich gedroppt wurde. Ich mußte zu einem Independent Label gehen – das war bizarr für mich! Alles, was mir während diesem Album passierte, war sehr empfindlich. Und in diesem Sinne lernte ich eine Menge über das Musikgeschäft, über Menschen, über Image… Gewiß habe ich mit einigen der großartigsten Musiker der Welt arbeiten dürfen. Und ich hatte zu allen eine wundervolle Beziehung. Die Produzentin Susan Hamilton war und ist einer meiner besten Freunde; wie eine Schwester, der ich meine tiefsten Gefühle anvertrauen kann. Daher habe ich zum erstenmal Songs gesungen, die tiefer gingen, die lyrisch mehr Tiefe hatten. Natürlich war dies der Anfang vom Ende, denn meine Fans wollten das nicht hören.

Auf diesem Album habe ich gelernt, mich zu manipulieren; zu glauben, daß diese Songs ebenfalls sehr stark wären und ein Eigenleben hätten. Ja, sie waren schon Rock, aber auf eine andere Art. Sie waren sehr melodiös und gingen mehr in Richtung Pop/AOR. Zu dieser Zeit in meinem Leben war ich am Boden zerstört. Ich wollte wirklich eine weitere Rockscheibe machen, aber ich fühlte mich so… uninspiriert, so traurig, daß ich mich erneut von der Plattenfirma und Menschen, die ich sehr mochte, führen ließ.

Ich war nach all dem nicht mehr ich selbst. Ich hatte so große Pläne gehabt, wie phantastisch meine nächste Scheibe werden sollte und fühlte mich von den Labels betrogen. Ich war ein wenig verloren, und ich wurde nicht gefunden bis zu dieser letzten Platte, haha.

Can´t Get Off (1994)

Der Titelsong war insofern ein großer Fehler, als “to can´t get off” im Englischen vor allem eine sexuelle Bedeutung hat. Für mich bedeutete der Titel “Can´t Get Off” etwas anderes, als er von den Leuten aufgefaßt wurde. Das zeigt, wie naiv ich sein kann – und dickköpfig! Ich versuchte es zu erklären: “Was ich meine ist, daß ich nicht von diesem Karussel aus Liebe, Kummer und Schmerz runterkomme. Ich hätte gerne etwas anderes, von dem ich nicht loskomme.” Und sie sagten: “Warte ab, bis du interviewt wirst…” Und so war es dann auch…

Ich kann dir gar nicht sagen, wieviel Spaß es gemacht hat, diese Platte aufzunehmen. Abgesehen davon, daß es wieder kein Rock war, hatte ich nie zuvor in meinem Leben soviel Spaß. Ich durfte in PETER GABRIELS Studio arbeiten und in einem Schloß wohnen. Alle meine Freunde aus New York und Los Angeles kamen nach England, um auf meiner Platte zu spielen. Darin steckte eine enorme Energie. Es war keine Erholung, kein emotionales Comeback. Es war einfach genug für mich. Ich war nicht mehr verloren, aber, wie ich sagte, noch nicht wiedergefunden.

Wonderland (2003)

“Wonderland” ist ein fabelhaftes Album! Ich werde dich nicht anlügen und sagen, daß das ein Fehler war. Ich denke einfach, es war nicht für die Fangemeinde von “Trouble Or Nothing” gemacht. Die Songs auf der Scheibe – und ich denke nicht, daß auch nur ein schlechter dabei ist – sind sagenhaft. Nimm nur den Titeltrack “Wonderland” und hör ihn dir an. Lehn dich zurück, schließ die Augen und hör zu. Wenn du im Urlaub an den Strand gehst und mit den Wellen im Hintergrund diese CD hörst, wirst du dich rettungslos in diesen Song verlieben. Ich liebe auch “Slow”. Es ist der Teil meiner Stimme, der nicht im geringsten Rock´n´Roll ist. “Freedom” ist unglaublich! “Lift It Up” just knocks me dead! Der Song hat etwas an sich, das ncht nur spirituel packend ist. Er erinnert mich auch daran, als ich ein Kind war. Er hat etwas von der Unschuld der alten FLEETWOOD MAC. Es ist ein Lied, das man hören WILL, weil es nicht so durchgenudelt, sondern erfrischend klingt, auch vom Thema her.

Die Qualität von “Wonderland” ist vielleicht nicht so offensichtlich, aber wenn man sich die Zeit nimmt und sich eingehend mit der Platte beschäftigt, läßt sie einen nicht mehr los! Mein “least favorite” ist “When You Come Back To Me”. Und der Grund, warum ich es nicht mag, ist, daß es einen echten R´n´B-Sänger gebraucht hätte. Und davon bin ich seit zuvielen Jahren weg. Deswegen habe ich die Nummer nicht so hingekriegt, wie sie es verdient gehabt hätte. Aber das Stück war wunderschön, und jeder wollte, daß ich es singe.

Dieses Interview erschien im EMPIRE #76 (3/05)